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Großbritannien : Wir wollen draußen bleiben

Bild: Wilhelm Schlote

Die Briten fühlen sich schon längst nicht mehr als Mitglied der Europäischen Union. Und ihre Regierung befördert das noch. Auch sie sendet das Signal aus: Nicht mit uns.

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          Großbritannien hat die Europäische Union schon verlassen. Zumindest dem eigenen Empfinden nach. Ein europäisches Zugehörigkeitsgefühl ist - jedenfalls in der politischen Arena von Westminster - aus den Argumenten und Reden fast aller Akteure verschwunden. In der Regierungserklärung von Premierminister David Cameron, die er in der vergangenen Woche nach seiner Rückkehr vom jüngsten Europäischen Gipfeltreffen abgab, kamen ein Dutzend Mal Wendungen vor wie „wir in Britannien“ oder „im britischen Interesse“ oder „die britischen Prioritäten“. Ein europäisches „Wir“ gebrauchte Cameron nur ein einziges Mal - und da ging es um eine Detailfrage, das Europäische Patent-Gericht.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Die Hauptsorge, die Europa gegenwärtig plagt - die Lösung der Euro-Krise - hat die Kluft zwischen den Briten und der Europäischen Union vertieft. Cameron demonstrierte diesen Schritt ins Abseits, indem er im vergangenen November ausdrücklich die Teilnahme Großbritanniens am Europäischen Fiskalpakt ablehnte. Das war ein Schritt, der, befeuert von der Europa-Animosität vieler britischer Konservativer, dem einheimischen Publikum beweisen sollte, dass die Regierung sich nicht in die Euro-Rettung hineinziehen lassen will. Es war zugleich eine Entscheidung, die den anderen Staaten in der EU zeigte, dass Großbritannien nicht mehr über ein europäisches Kapital verfügt, das es jenseits des nationalen Interesses für gemeinsame europäische Anliegen einzusetzen willens wäre.

          Schon immer in der Sonderrolle

          Das britische Abrücken von der EU kam allerdings nicht überstürzt. Es wurde schon vor zwanzig Jahren erkennbar, als die Regierung unter Premierminister Major sich im Vertrag von Maastricht das Recht verbriefen ließ, der gemeinsamen europäischen Währung fernzubleiben. Im Rückblick gelten vielen politischen Analytikern daher die achtziger und neunziger Jahre als die harmonischste Zeit: Damals arbeiteten die europäischen Nationen zunächst gemeinsam an der Etablierung des Binnenmarktes, dann ging es um die Erweiterung der Union in Richtung Osteuropa. Doch schon zuvor steckte Britannien in einer Sonderrolle: Es zählte nicht zu den Gründungsmitgliedern der EWG, wurde später zunächst abgewiesen, kam dann in den siebziger Jahren mit gemischten Gefühlen (und nach einer Volksabstimmung) in den Kreis der Länder, die damals die Europäische Gemeinschaft bildeten.

          Die Ambivalenz des britischen Gefühls gegenüber Europa drückt ein Wort Churchills aus dem Jahre 1930 aus - er stellte damals in einem Zeitungsinterview fest, Großbritannien sei mit Europa verbunden, aber kein Teil davon („with Europe, not of it“). Damals bezeichnete das geografische Beiwort „britisch“ freilich noch ein weltumspannendes Empire. Dessen ungeachtet zitiert der gegenwärtige Außenminister Hague jetzt wieder gerne Churchills Diktum, um seine Haltung gegenüber der EU zu beschreiben. Hague lässt es auch nicht an drastischen Bildern fehlen, wenn er den Zustand der Europäischen Währungsunion beschreibt: Sie sei „wie ein brennendes Haus ohne Notausgang“.

          Schadenfreude mischt sich mit Erleichterung

          Nun stehen die Briten draußen vor den Flammen und hegen gemischte Gefühle. Schadenfreude etwa, schließlich hatten fast alle Finanzfachleute der Londoner City schon immer gewarnt, die Währungsunion könne nicht gelingen. Oder Erleichterung darüber, nicht im „brennenden Haus“ zu wohnen. Und schließlich die Sorge, dass Feuer könne doch noch aufs eigene Heim übergreifen.

          Bilderstrecke

          Das ist der Grund dafür, warum der Premierminister und sein Finanzminister Osborne in jüngster Zeit beim G8-Gipfel in Amerika, bei einem Besuch in Berlin und beim EU-Gipfel in Brüssel undiplomatisch drängend von Bundeskanzlerin Angela Merkel und der Europäischen Zentralbank verlangten, die Schuldenkrise Griechenlands und anderer südeuropäischer Euro-Mitglieder müsse mit stärkeren Haftungszusagen, Zuschüssen und zusätzlicher Liquidität entspannt werden. Wieder zuhause, drehten sich Cameron und Osborne zu ihrem heimischen Publikum um und verkündeten, sie hätten sichergestellt, dass britische Steuerzahler an dieser Euro-Rettung auf keinen Fall beteiligt würden.

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