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Großbritannien : Glücklich isoliert

Bild: Greser & Lenz

David Cameron hat ein Zeichen gesetzt, das seine hasserfüllten Hinterbänkler zu Hause beeindrucken sollte. Doch der Unmut vieler Briten über Europa ist ein Groll über ihre eigenen Eliten.

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          David Cameron hat Europa verloren, um seine Partei zu retten. Der britische Premierminister hat in Brüssel ein Zeichen von Tatkraft und Entschlossenheit gesetzt, das nicht auf die europäischen Partner Großbritanniens zielte, sondern seine vor antieuropäischen Hassgefühlen schäumenden Hinterbänkler zu Hause beeindrucken sollte. Möglicherweise ist ihm nicht einmal dies gelungen: Die in antieuropäischem Eifer bebenden Abgeordneten fühlen sich durch das trotzige Nein ihres Anführers nicht beruhigt, sondern ermuntert.

          Jetzt sei die einmalige Gelegenheit gekommen, Britanniens Verhältnis zur EU grundlegend zu ändern, frohlockte gleich ein halbes Dutzend Tories in ähnlichen (abgesprochenen?) Stellungnahmen. Sie erweckten damit den Eindruck einer organisierten Kampagne, die nicht verebben, sondern weiter anschwellen wird.

          Kein Ruhm, allenfalls Schulterzucken

          Cameron und sein Außenminister William Hague haben seit Jahren die Europhobie ihrer Partei in Maßen vorgelebt, um dort Mehrheiten zu gewinnen. Der junge Cameron zog einst, als er für den Parteivorsitz kandidierte, die Stimmen der Antieuropäer in der Partei auf sich mit dem Versprechen, er werde die britischen Konservativen im Brüsseler Parlament aus der Fraktion der großen, integrationswilligen Europäischen Volkspartei (EVP) herausholen und eine eigene kleine Fraktion aufmachen. Dass er damit Einfluss in der Parteienfamilie der EVP verlor und so auch diskrete Gestaltungsmöglichkeiten auf europäischem Parkett einbüßte, nahm Cameron in Kauf - er hätte ja ohnehin mit europäischen Politik-Initiativen zu Hause keinen Ruhm ernten, sondern allenfalls Schulterzucken hervorrufen können.

          Die britische Premierministerin Thatcher hat die antieuropäische Mehrheitsstimmung in ihrer Wählerschaft als Erste wirksam für sich instrumentalisiert. Ihr Nachfolger John Major fiel dieser Stimmung zum Opfer, sein Nachfolger Tony Blair versuchte vergeblich, sie nochmals ins Positive zu wenden. Blairs Nachfolger Gordon Brown kapitulierte dann endgültig vor dem Gegen-Europa-Gefühl in der Bevölkerung: Er schob dringende Termine vor, als die 26 europäischen Kollegen in Lissabon feierlich den gleichnamigen Vertrag unterschrieben, reiste später an und signierte das Werk abends allein - in der Hoffnung, es seien dann weniger Fernsehkameras zugegen.

          Gegen „die da in Brüssel“

          Brüsseler Bürokratie und Arroganz haben über die Jahre viel zu der Abwehrhaltung zahlreicher Briten gegenüber der EU und ihrer Institutionen beigetragen. Aber es spielt noch etwas anderes eine Rolle. Der Unmut über Europa ist ein nach außen geleiteter Groll, der sich in der Gesellschaft immer stärker gegen die politischen Eliten, gegen ihre beschädigte Integrität und gegen ihren Eigennutz richtet. Im Dualismus „wir hier und die da oben“ bietet der Euro-Konflikt Cameron eine Chance, sich ins Wir-Gefühl der Bevölkerung zu stellen: gegen „die da in Brüssel“.

          Der Mechanismus funktioniert allerdings auch gegen Westminster. Meisterhaft beherrscht ihn der Anführer der schottischen Nationalisten, der Erste Minister Alex Salmond. Er setzt ein schottisches „Wir“ gegen englische Ignoranz, betreibt die Unabhängigkeit Schottlands mit Eifer und bastelt aus Camerons Europa-Abkehr nun weitere Munition: Gegen England, aber für Europa - das ist ein politischer Kurs, für den sich eine Mehrheit der Schotten vielleicht erwärmen würde.

          Die größte Differenz zwischen England und Europa aber ergibt sich aus gegensätzlichen Auffassungen über die eigene Lage in der globalisierten Welt. Während die politische Elite in Kontinentaleuropa gegenüber ihren Bevölkerungen seit zwei Jahrzehnten beteuert, nur die europäische Einheit biete Stärke und Stimme auf einem eng vernetzten Globus, fehlen - trotz aller Trauer über verlorene imperiale Bedeutung - in Großbritannien solche Marginalisierungsängste. Nicht erst seit der Zeit der „splendid isolation“ im 19. Jahrhundert sind die Briten sich selbst genug; schon die wütende Trennung des Königs Heinrich VIII. vom katholischen Papst markierte eine Abkehr von Europa und einen Akt insularen Selbstbewusstseins.

          Es ist insofern folgerichtig, dass Cameron das Wohlergehen der Londoner City, des globalen Finanzzentrums, zum Anlass nahm, um den Bruch mit Europa zu markieren. Die Anpassungsfähigkeit dieser britischen Dienstleistungsbranche in der Welt schwebt nicht nur ihm als ein Symbol dessen vor, was Britannien in der schnellen, sich auf Englisch verständigenden Welt von morgen sein soll: ein entscheidungsfreudiger Akteur, der in wechselnden Zweckbündnissen sein eigenes Wohlergehen sichert. Die britische Stimmung des Augenblicks steckt in einer Metapher, die einer der ersten Kommentatoren aus der City verwendete: „Isoliert?“, fragte der Mitarbeiter eines Londoner Aktienbrokerhauses. Und antwortete: „Höchstens wie ein Passagier der Titanic, dem man kurz vor der Abfahrt die Mitreise verweigert hat.“

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

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