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Großbritannien : Eine sonderbare Insel entdeckt den Frieden mit sich

Mit Dank zurück: Johnson (links) übergab die Flagge an IOC-Präsident Rogge; Rios Bürgermeister Paes wartete Bild: Getty Images

Als David Cameron zum Olympia-Abschluss mit Boris Johnson tanzte, war es fast der Harmonie zu viel. Doch die Briten wissen: Der Alltag hat sie bald wieder.

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          Als während der Abschlussfeier fünf Taxis ins Stadion fuhren und die seit Jahren getrennten „Spice Girls“ ausstiegen, riss es selbst die Politiker von den Stühlen. Premierminister David Cameron und Bürgermeister Boris Johnson tanzten in der Ehrenloge, und auch wenn jüngere Journalisten die Bewegungen am nächsten Morgen als „Dad Dance“ verspotteten, war dies wohl der Moment vollendeter Harmonie. Nachdem die Olympischen Spiele zunächst die vielen Skeptiker für sich eingenommen und dann die Volksgruppen des Königreichs hinter dem „Team GB“ vereinigt hatten, feierten am letzten Abend auch noch die beiden streng beäugten Parteirivalen eine Party miteinander.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Seit langem war es um die nationale Moral nicht mehr so gut bestellt wie in den vergangenen zwei Wochen. Selbst die Presse war sich am Montag enig wie selten. „Haben wir das nicht gut gemacht!“ rief der „Daily Express“ aus, während sich der „Daily Telegraph“ in Pathos übte: „Wir entzündeten die Flamme, wir erleuchteten die Welt“. Selbst der „Scotsman“ aus Edinburgh bejubelte „Die größte Show auf der Erde“.

          Kurzzeit-Therapie für den englischen Patienten

          17 Tage lang war Großbritannien wie im Rausch. In den Londoner Pubs wurde die Olympia-Übertragung der BBC nur von der Sperrstunde unterbrochen, an den Kassen der Supermärkte hingen Plakate mit „Go, Team GB, go!“, sogar erklärte Sportmuffel, die sich vor Beginn der Spiele gelangweilt bis genervt geäußert hatten, fieberten plötzlich mit den britischen Athleten und brachten fremdklingende Namen wie Mo Farah oder Anthony Joshua mit Selbstverständlichkeit über die Lippen.

          So bekamen die Spiele den Charakter einer nationalen Kurzzeit-Therapie für den von Identitätsproblemen geplagten englischen Patienten. „Dieser Sommer hat uns an die Fähigkeiten dieser sonderbaren kleinen Insel und seiner Bewohner erinnert“, schwärmte der „Independent“ zum Abschluss. Gefeiert wird nicht nur, dass das Land auf Platz drei des Medaillenspiegels gelandet ist, gar nicht so weit hinter dem Milliardenvolk der Chinesen und der Supermacht Amerika. Einfach alles scheint plötzlich am richtigen Platz zu sitzen: Das Vereinigte Königreich steht nicht mehr für organisatorische Nachlässigkeit, quälende Selbstzweifel oder gar soziale Unruhen, sondern für Effizienz, „Can-do“-Kultur und Multikulti-Harmonie.

          Premierminister David Cameron (links) mit Londons Bürgermeister Boris Johnson vor der Eröffnungsfeier der Spiele im Juli

          Letztere wird besonders herausgestrichen. Mitten in den Olympiawochen jährten sich die brutalen Straßenkrawalle, die das Land im vergangenen Sommer erschüttert hatten. Nicht alle Gewalttäter waren Zuwanderer gewesen, und doch hatten die Unruhen eine tiefe Unsicherheit zurückgelassen, ob Britannien den immensen Zustrom von Fremden verkraftet, ob sie sich integrieren lassen, ob sie dem Land guttun. Nun wurde die Hürdenläuferin Jessica Ennis, deren Vater aus Jamaika stammt, zum Star der Spiele. „London 2012“, kommentierte der „Independent on Sunday“, „ist ein Triumph des neuen Britanniens - aller Altersklassen, Farben und Hintergründe.“

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