https://www.faz.net/-gpf-6xjm8

Griechischer Wirtschaftsminister : „Die Gesellschaft ist reifer als ihr System“

  • Aktualisiert am

Griechische Geschäftsleute haben in Bulgarien investiert, weil sie Geld verdienen wollten, was ihr gutes Recht ist. Aber die Frage bleibt: Wenn die griechische Wirtschaft nicht leistungsfähiger ist als etwa die bulgarische, warum sollen die anderen Europäer dann die Differenz zwischen Wirklichkeit und Anspruch Griechenlands subventionieren?

Vergessen Sie nicht, dass die Griechen auch Kunden der deutschen und französischen Industrie sind. Es geht außerdem nicht um Griechenland allein, sondern auch um Italien, Spanien, Portugal. Im gesamten Süden Europas gibt es ein Problem. Es handelt sich nicht nur um ein wirtschaftliches Problem, sondern um eines der politischen Kultur. Daher muss die EU diese Staaten zu Reformen anhalten. Bestrafung ist aber keine Lösung.

Das ändert nichts daran, dass man in ärmeren EU-Staaten den Eindruck hat, die Griechen glaubten, eine Art Geburtsrecht auf einen höheren Lebensstandard als andere europäische Länder zu haben, auch wenn die griechische Wirtschaftskraft dem nicht entspricht.

Griechenlands Problem war anfangs das Haushaltsdefizit. Leider wurde im Zuge der Wirtschaftskrise ein allgemeines Schuldenproblem daraus. Herrn Borissow möchte ich antworten, dass die Griechen so hart arbeiten wie andere Europäer auch. Wo ist der Unterschied zwischen einem deutschen und einem griechischen Wissenschaftler? Er liegt nicht in ihrer Arbeit, sondern in den politischen Systemen ihrer Länder. Wir haben in Griechenland ein politisches System, das über Jahre falsch funktioniert hat. Mit der Arbeitsethik der Griechen hat das nichts zu tun.

Im Oktober war der deutsche Wirtschaftsminister Philipp Rösler mit einer Unternehmerdelegation in Athen. Haben sich daraus irgendwelche Investitionsvorhaben ergeben?

Kein einziges. Seien wir ehrlich: Solange die Verhandlungen über den Schuldenschnitt und das neue Paket der Troika nicht abgeschlossen sind, wird niemand in Griechenland investieren.

Weil die Gefahr besteht, Euros zu investieren und Drachmen zurückzubekommen?

Das Problem ist die generelle Lage unserer Wirtschaft. Glauben Sie mir: Es ist schmerzhaft, als Minister für Wachstum verantwortlich zu sein in einem Land, das sich seit Jahren in einer tiefen Rezession befindet.

Es ging bei Röslers Besuch auch um die Möglichkeiten zur Gründung einer Bank nach dem Vorbild der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau, damit die Kreditklemme, unter der selbst gesunde griechische Unternehmen leiden, überbrückt werden kann. Was ist daraus geworden?

Ich habe Philipp Rösler zuletzt im Dezember in Berlin gesehen. Das Ergebnis war, dass die KfW eine Kreditlinie für in Griechenland tätige deutsche Unternehmen eröffnet hat. Außerdem wird daran gearbeitet, eine Investitionsbank in Griechenland zu eröffnen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Horst Reichenbach und der „Arbeitsgruppe Griechenland“ der EU-Kommission?

Bestens. Herr Reichenbach spielt eine sehr positive Rolle. Er weiß sehr gut, wie die EU funktioniert, das ist sehr wichtig für uns. Ich werde diese Woche in Brüssel sein, um mit ihm die Möglichkeiten zur Schaffung eines Fonds zu besprechen, mit dem Kredite an kleine und mittlere Unternehmen vergeben werden können, die investieren wollen. Dafür sollen für Griechenland Strukturfonds eingesetzt werden. Die zweite Phase soll dann die Gründung einer Investitionsbank sein. Die größte Herausforderung ist es jetzt, Geld in die Wirtschaft zu injizieren. Denn selbst Unternehmer, die investieren möchten, können das derzeit nicht, weil sie keine Kredite bekommen.

Weitere Themen

Erleichterung über Urteil Video-Seite öffnen

George-Floyd-Prozess : Erleichterung über Urteil

Präsident Joe Biden bezeichnete die Verurteilung des weißen Ex-Polizisten Derek Chauvin im Fall George Floyd als einen Schritt in die richtige Richtung für Amerika. Auch in New York gingen die Menschen auf die Straße.

Topmeldungen

Juve-Boss Andrea Agnelli: Einer der Initiatoren und Befürworter der Super League

Juve-Präsident Andrea Agnelli : „Verräter, wie Judas“

Juventus-Präsident Agnelli war einer der Initiatoren der Super League. In Italien wird er heftig angefeindet – und hat sogar Ärger mit dem berühmten Taufpaten eines seiner Kinder. Nun wird bekannt: Das Projekt wird verworfen.

Der Fall George Floyd : Amerikas Justizwesen ist kaputt

Die amerikanische Politik bleibt in ihrer Übertreibungsspirale gefangen. Deshalb wird es auch nach dem Mordurteil in Minnepolis nicht zu den Reformen kommen, die das Land so dringend braucht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.