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Griechischer Wirtschaftsminister : „Die Gesellschaft ist reifer als ihr System“

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Über zwei Jahrzehnte hinweg haben wir unsere Produktionsbasis, unsere Industrie und damit unsere Exportmöglichkeiten zerstört. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts, nach dem Beitritt zur Eurozone, kam hinzu, dass wir uns zu geringen Zinsen Geld leihen konnten und das auch im Übermaß getan haben. So wurden wir ein Land des Imports. Die Grundrichtung war falsch, weil die politische Führung des Landes nicht verstand, wohin sie führen muss. So haben wir uns über Jahrzehnte von Werten entfernt, die wir schon einmal hatten. Ich stamme aus einer Bauernfamilie in Nordgriechenland, aus Veria, unweit von Thessaloniki. Aus meiner Kindheit erinnere ich, was damals wichtige Werte für die Menschen waren: Erstens harte Arbeit. Jeder, der etwas geleistet hat, war stolz darauf. Und viele haben ihre Produkte exportiert. Das ging dann verloren als Folge der europäischen Subventionen.

Die Subventionen haben Griechenland zerstört?

Ja. Während wir mit der einen Hand das Geld der EU nahmen, haben wir es nicht mit der anderen Hand in neue und wettbewerbsfähige Technologien investiert. Alles ging in den Konsum. Das Ergebnis war, dass jene, die etwas produzierten, ihre Betriebe schlossen und Importfirmen gründeten, weil sich damit mehr verdienen ließ. Das ist das eigentliche Desaster dieses Landes.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland sind alles andere als einfach derzeit. Der deutsche Vorschlag zur Entsendung eines Sparkommissars mit diktatorischen Vollmachten hat die Sache nicht einfacher gemacht.

Es stimmt, die deutsch-griechischen Beziehungen sind schwierig derzeit. Die Deutschen haben ihre Geduld mit den Griechen verloren. Aber man darf nicht vergessen, dass am Beginn der Krise viel zu lange gezögert wurde, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Nicht nur Griechenland, auch Europa zeigte sich der Krise nicht gewachsen. Wir haben wertvolle Zeit verloren und die Märkte begannen, uns anzugreifen. Wir haben die Kontrolle aus der Hand gegeben. Außerdem wirken manche Aussagen deutscher Politiker so, als gehe es ihnen darum, Griechenland zu bestrafen. Ich glaube das nicht, im Gegenteil, Deutschland hilft uns. Aber die Wirkung bestimmter Aussagen ist schwer zu leugnen. Das gilt auch für diese Idee mit dem Sparkommissar.

Griechenland wäre nicht der erste Balkanstaat, der unter besonderer Aufsicht der EU steht. Im Kosovo und in Bosnien hat schon seit Jahren ein internationaler Gouverneur im Zweifelsfall das letzte Wort über die einheimische Politik, wenn auch aus anderen Gründen.

Es gibt keinen rechtlichen Rahmen für die Entsendung eines Sparkommissars oder Inspektors nach Athen. So etwas ist nicht vorgesehen in der EU. Abgesehen davon ist es keine Lösung für die Probleme des Landes.

Bojko Borissow, der Ministerpräsident Ihres Nachbarstaates Bulgarien, sagte unlängst, Griechenland könne seine Schulden über Nacht in den Griff bekommen, wenn es seine Löhne und Renten auf bulgarisches Niveau senke.

Ich kenne Bojko Borissow noch aus meiner Zeit als Minister für Bürgerschutz sehr gut. Meine Antwort an meinen Freund Borissow lautet, dass es nicht die Lösung sein kann, die Solidarität zwischen den europäischen Nationen in Frage zu stellen – und dass Griechenland Bulgarien geholfen hat, als es dem Land sehr schlecht ging. Griechische Unternehmen haben in Bulgarien investiert. Dadurch wurden viele tausend Arbeitsplätze in Bulgarien geschaffen.

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