https://www.faz.net/-gpf-84s5a

Giannis Varoufakis : Das Kommunikationswunder von Athen

Für die Medien immer ansprechbar: der griechische Finanzminister Giannis Varoufakis Bild: Reuters

Was auch immer man einmal über ihn sagen wird, langweilig ist es nicht mit dem griechischen Finanzminister. Und kaum ein anderer beantwortet so schnell E-Mails wie er.

          5 Min.

          Sie wolle endlich mit Erwachsenen reden, sagte dieser Tage Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds. Die frühere Finanzministerin Frankreichs charakterisierte damit das ihrer Ansicht nach kindische Verhalten der griechischen Regierung bei den stockenden Verhandlungen über die Zukunft Griechenlands – oder wie auch immer man die epische Kommunikationsstörung zwischen Athen und dem Rest der Welt nennen mag.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Namen nannte sie nicht, aber der Verdacht ist nicht unbegründet, dass Lagarde auch an Giannis Varoufakis dachte, den neben Ministerpräsident Alexis Tsipras bekanntesten Politiker der griechischen Regierung. Der eloquente Wirtschaftswissenschaftler ist bei den anderen Kassenwarten der Eurozone sowie bei den Zahlenjongleuren des IWF alles andere als populär. Um im Bild zu bleiben: Wären die Gipfeltreffen der europäischen Finanzminister ein Kindergeburtstag, wäre Giannis der Junge, mit dem niemand spielen will.

          Varoufakis präsentiert neuen Politikstil

          Das muss nicht gegen ihn sprechen, und eines steht nach knapp sechs Monaten seiner Amtszeit schon fest: Was auch immer man einmal sagen wird über Giannis Varoufakis – langweilig ist es nicht mit ihm. Varoufakis repräsentiert nicht nur einen neuen Kleidungs-, sondern auch einen anderen Politikstil in der Eurozone. Wenn er in einer europäischen Hauptstadt unterwegs ist, wird er von vielen erkannt – allein das ist schon bemerkenswert.

          Varoufakis hat vom ersten Tag an eine Kommunikationsstrategie gewählt, die sich, zurückhaltend formuliert, als „offen“ bezeichnen ließe. Oder als „transparent“, wie er selbst es ausdrückt. Seit seinem Amtsantritt hat er zwei Dutzend Interviews gegeben, die kürzeren nicht mitgezählt. Ob BBC, CNN, „New York Times“, „Corriere della Sera“, „Charlie Hebdo“, „Le Monde“, „Financial Times“ oder „Paris Match“ – wer wollte, bekam Varoufakis. Erstaunlich ist, dass der griechische Minister nebenher noch Zeit findet, auf seine E-Mails zu antworten. Der Laie, der keine genaue Vorstellung davon hat, was ein Finanzminister so macht den lieben langen Tag, fragt sich unweigerlich, wie Varoufakis das eigentlich alles schafft neben seiner eigentlichen Arbeit.

          Hier sei zur Illustration ausnahmsweise ein Beispiel zitiert. Im Sommer 2013 führte der Verfasser dieser Zeilen ein Interview mit Alexis Tsipras – beziehungsweise er versuchte es, denn das Gespräch endete nach weniger als acht Minuten. Da wies Tsipras dem Fragesteller die Tür. Als nun Varoufakis im Januar zum Finanzminister ernannt wurde, bestand auch bei dieser Zeitung Interesse daran, vom neuen Athener Kassenwart im direkten Gespräch zu erfahren, wie er sich eine Lösung der griechischen Krise vorstelle.

          Dazu gehen Journalisten üblicherweise den offiziellen Weg, indem sie eine Anfrage an die Presseabteilung des Ministeriums stellen. Ein in Athen lebender Bekannter des Ministers hatte jedoch empfohlen, am besten sei es, Varoufakis an dessen private E-Mail-Adresse zu schreiben.

          Ungezwungenheit ist sein Markenzeichen: der Finanzminister auf dem Boden des griechischen Parlaments

          Antwort nach nur 20 Minuten

          Das klang verrückt. Wer rechnet mit einer Antwort, wenn er an die private E-Mail-Adresse eines Spitzenpolitikers schreibt? Aber einen Versuch war es wert. Am dritten Februar um 19.31 Uhr ging folgende Nachricht in Varoufakis’ Posteingangskorb ein: „Sehr geehrter Herr Varoufakis, Alexis Tsipras hat mich nach 5 Fragen und 7 Minuten aus einem Interview geworfen, aber ich bin sicher, dass es immer noch Raum zum Reden gibt. Wenn Sie Interesse haben, Ihre Sichtweise der deutschen Öffentlichkeit über die F.A.Z. zu vermitteln, lassen Sie es uns bitte wissen...“

          Um zwanzig Minuten nach Mitternacht griechischer Zeit antwortete Varoufakis und setzte die private E-Mail-Adresse von Alexis Tsipras in Kopie: „Mache ich gern. Wenn Sie unhöflich sind, verspreche ich, Sie nicht rauszuwerfen. Aber ich verspreche nicht, dass ich nicht dafür sorgen werde, dass Sie sich schämen.“

          Diesen Stil pflegt Varoufakis weiterhin. Auf E-Mails antwortet er stets prompt, so am 24. Mai, als es um seine wiederholt geäußerte Kritik an der vermeintlich mangelhaften Berichterstattung „der Medien“ ging. „Ich bin nicht daran interessiert, irgendjemanden zu verprügeln – schon gar nicht die Medien. Aber ich behalte mir das Recht auf eine Antwort vor, wenn ich das Subjekt von Prügel und Schikanen bin“, schrieb Varoufakis über sein Verhältnis zur Presse.

          Weitere Themen

          Vom Ich zum Wir

          TV-Kritik „Anne Will“ : Vom Ich zum Wir

          Die große Koalition wirkt zerrüttet, ist aber kein Fall für das Scheidungsrecht. Sie ist zum Erfolg verurteilt. Gibt die Halbzeitbilanz Gelegenheit, die Kräfte zu sammeln und zu zeigen, dass man die Gelben Karten auf den regionalen Spielfeldern verstanden hat?

          Topmeldungen

          Yasmina Reza

          Yasmina Reza im Gespräch : Wörter sind nichts Festes

          Sprache als Heimat, Übersetzungen als Tragödie, eine Frauenrolle für einen Mann: Die französische Schriftstellerin Yasmina Reza hat einen neuen Monolog geschrieben – „Anne-Marie die Schönheit“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.