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Griechenland und Zypern : Das Mutterland der Krise und seine Schwester

Vorübergehend geschlossen: Filiale der Cyprus Popular Bank in Athen Bild: dpa

Der griechische Schuldenschnitt riss Zypern in den Abgrund - jetzt schwappt die Misere wieder von der Insel nach Athen. Im Mutterland der Eurokrise wächst die Nervosität.

          Die Ungewissheit ist zurück in Athen. Während die wichtigsten Operationen der eurozonalen Intensivstation derzeit auf Zypern stattfinden und der Ausgang des Experiments am lebenden Sparer ungewiss bleibt, erhöht sich die Nervosität im Mutterland der Eurokrise. Die Lage hat sich zwar vor allem atmosphärisch etwas stabilisiert, seit die von Antonis Samaras und seiner Partei Nea Dimokratia geführte Dreierkoalition im vorigen Jahr die Regierungsgeschäfte übernahm, doch ein Zusammenbruch des zyprischen Bankenwesens würde auch Griechenlands halbe Rekonvaleszenz unmittelbar gefährden.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Schließlich pflegt Zypern mit keinem anderen EU-Staat annähernd so enge wirtschaftliche Verbindungen. Erst der von den Geldgebern durchgesetzte Schuldenschnitt auf griechische Staatsanleihen war es, der das zyprische Bankenwesen in Schieflage brachte und Zypern im Juni 2012 zwang, als fünfter Staat der Eurozone finanzielle Hilfe zu beantragen. Nun droht die Krise nach Athen zurückzurollen, denn die drei größten zyprischen Banken unterhalten dichte Filialnetze in Griechenland. Am Dienstag kamen Samaras sowie die beiden Koalitionsführer Fotis Kouvelis und Evangelos Venizelos deshalb zu einem Krisentreffen zusammen.

          Die Cyprus Popular Bank (unlängst umbenannt in Laiki-Bank), die Bank of Cyprus und die Hellenic Bank haben insgesamt 320 Zweigstellen mit 4700 Beschäftigten zwischen Kreta und Thessaloniki. Hier liegen Guthaben im Wert von etwa 12,9 Milliarden Euro. Hinzu kommen ausstehende Kredite von etwa 20,4 Milliarden Euro. „Wenn diese Tochtergesellschaften kippen, wird es ernst“, sagt ein Banker in Athen.

          Die Athener Wirtschaftszeitung „Naftemporiki“ kommentierte in scharfem Ton, „Berlin und seine Satellitenstaaten“ hätten sich „an den Ersparnissen europäischer Bürger vergriffen“. Nun müssten auch die Griechen mit dem Schlimmsten rechnen. Griechenlands Finanzminister Giannis Stournaras versuchte einer aufkommenden Panik entgegenzutreten und versicherte, dass die Einlagen bei zyprischen Banken in Griechenland sicher seien. Wirklich sicher sind die Guthaben einstweilen aber wohl nur vor dem Zugriff ihrer Inhaber: Auch die Filialen der zyprischen Banken in Griechenland bleiben noch mindestens an diesem Mittwoch geschlossen. Transaktionen per Internet sind seit dem Wochenende ebenfalls nicht mehr möglich. Der Andrang dürfte umso größer sein, sollten die Banken am Donnerstag wieder öffnen - mit unabsehbarem Ausgang für die Institute.

          Um die griechischen Filialen zyprischer Geldhäuser von einer möglichen Implosion des Bankenwesens auf Zypern abzuschirmen, soll das Filialnetz womöglich an griechische Banken verkauft werden. Da die Filialen (noch) über Einlagen von fast 13 Milliarden Euro verfügen, haben Piräus-Bank, Alpha-Bank und die griechische Postbank Interesse bekundet. „Aber dann müssen die Bücher der zyprischen Banken geprüft werden, um zu sehen, wie es um die Kredite der zyprischen Filialen steht“, kommentiert ein griechischer Banker. Fest steht, dass Griechenland offenbar just zum Zeitpunkt der Zuspitzung der Krise auf Zypern auch selbst wieder auf eine schwierige Phase zusteuert.

          Die Finanzhilfen für Euro-Staaten im Überblick

          Die Delegationen der EU, der Europäischen Zentralbank und des Internationalen Währungsfonds (der sogenannten Troika) reisten unlängst ohne Einigung wieder aus Athen ab, nachdem es bei einigen wichtigen Anliegen ernsthafte Unstimmigkeiten mit der Regierung gab. Wieder einmal hängt die Auszahlung einer Tranche des zweiten Hilfspakets damit in der Schwebe. Besonders umstritten sind die „Arbeitsreserve im öffentlichen Dienst“ (ein Euphemismus für die Entlassung von Beamten) sowie der Fahrplan für die Privatisierung von Staatseigentum und die Bankenrekapitalisierung. Innerhalb kurzer Zeit traten der Präsident der Privatisierungsagentur sowie der Chef des Bankenrekapitalisierungsfonds zurück. Ersterer zog sich nach eigener Aussage aus „ethischen Gründen“ zurück, weil gegen ihn ein Gerichtsverfahren eröffnet wurde, in dem es um umstrittene Investitionen eines Staatsbetriebes ging, dessen Vorstandsvorsitzender er war.

          Der Chef des Bankenrekapitalisierungsfonds, der erst im Januar sein Amt angetreten hatte, demissionierte offiziell „aus privaten Gründen“, die aber wohl einen anderen Hintergrund hatten. Mit der Aufsicht über die Rekapitalisierung griechischer Banken hatte das Athener Finanzministerium nämlich einen in Abu Dhabi lebenden Niederländer betraut, der kein Griechisch sprach, das griechische Bankenwesen nur oberflächlich kannte und nur etwa zwei Mal im Monat zu Sitzungen eingeflogen kam. Seine häufigen Abwesenheiten führten zu wachsenden Irritationen bei allen Beteiligten. Durch die beiden Vakanzen verzögern sich nun wichtige Reformen.

          Tsipras: Kolonialistische Zwangsabgabe

          Einzig Athens linkspopulistischer Oppositionsführer Alexis Tsipras war am Dienstag guter Dinge oder gab sich zumindest so. Die mehrfach verschobene Parlamentsdebatte auf Zypern über die von der Eurozone gewünschte „kolonialistische“ Zwangsabgabe auf Sparguthaben sei ein Beleg dafür, dass in Not geratene Staaten der Eurozone viel härter mit ihren Geldgebern verhandeln könnten als allgemein geglaubt werde, sagte Tsipras. Teile der griechischen Presse nahmen den Ton auf.

          Das Blatt „Eleftheros Typos“ verglich den Plan der Eurozone, Zwangsabgaben auf Kontoguthaben bei zyprischen Banken einzuführen, mit deutschen Vergeltungsmaßnahmen während der NS-Besatzungszeit, als für einen verwundeten deutschen Soldaten 50 und für einen getöteten 100 Griechen erschossen wurden. „Eleftherotypia“ schrieb von einem „idiotischen und verbrecherischen Beschluss“, sowie von der „Eroberung eines souveränen Staates“ und titelte „Die Nordländer plündern Zypern und Griechenland aus“.

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