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Kommentar : Jetzt muss sich Tsipras beweisen

Unterschriftsreif: Alexis Tsipras unterzeichnet am Montag in Athen die Ernennungsurkunde Bild: dpa

Für Tsipras und seine Koalitionstruppe schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit. Alles zuvor waren Versprechungen. Mit anderen Worten: Jetzt beginnt die Phase der Wählerenttäuschungen.

          Nun wird also das „Bündnis der radikalen Linken“ (Syriza) mit den rechtspopulistischen „Unbhängigen Griechen“ die neue Regierung in Athen bilden, und Alexis Tsipras, der Volkstribun und Ritter wider die „Zumutungen“ aus Brüssel und Berlin, wird der neue Regierungschef. Gegen diesen forschen Tsipras war kein Kraut gewachsen, so wie dem Aufstieg Syrizas generell etwas Unwiderstehliches anmutet: Die große der beiden bisherigen Regierungsparteien, Nea Dimokratia, schlug sich noch achtbar, aber der kleinere Partner, die sozialdemokratische Pasok, die so lange eine herausragende Rolle in der griechischen Politik gespielt hatte, wurde fast zerbröselt. Ihr vor allem wurde eine Politik nicht verziehen, die Griechenland in der Eurozone zwar halten wollte, dafür aber Staat und Wirtschaft auf eine neue Grundlage stellen musste.

          Dieser Preis, der sich vor allem in Kürzungen von Sozialleistungen äußerte, war vielen Wählern zu hoch, auch denen, die lieber mit Euro als mit sonst etwas zahlen möchten. Sie waren empfänglich für eine bisweilen klassenkämpferische, nicht selten antideutsche Botschaft, die gegen angebliche Demütigungen und ins Elend führende Fremdbestimmung wetterte. Linksradikale und Rechtspopulisten stießen gleichermaßen ins Horn des Nationalstolzes, und nun bilden sie die Regierung, die Schluss machen soll mit Sparen, Kürzen und Gürtel-enger-Schnallen. Und mit Inspektionsbesuchen der Troika.

          Syriza versprach das Sozialsstaatsparadies

          In Spanien, wo Ende des Jahres ebenfalls ein neues Parlament gewählt wird, dürften die Wucht des Impulses gegen die alten Parteien, die Radikalisierung der Wähler und die Zersplitterung der Parteienlandschaft mit Interesse zur Kenntnis genommen werden.

          Für Tsipras und seine Koalitionstruppe schlägt jetzt die Stunde der Wahrheit. Alles, was bisher war, geschah im verantwortungsfreien Raum. Jetzt müssen sie den Übergang schaffen von der demagogischen Rhetorik zur Wirklichkeit des Regierens, vom Heldentum der Straße zu seriöser europäischer Partnerschaft. Mit anderen Worten: Jetzt beginnt die Phase des Abrüstens bei den Erwartungen und der Wählerenttäuschungen. Griechenlands Weg führt eben nicht anstrengungslos ins vermeintliche Sozialsstaatsparadies der jungen Garde. Die alte Garde wusste, dass der Weg in die Zukunft nicht zurück in die Vergangenheit führen darf. Aber viele Wähler mochten ihr darin nicht folgen.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

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