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Griechenland : Illusion und Erosion

Athen: Ein Obdachloser auf dem Omonia-Platz Bild: AP/dpa

In Griechenland setzt sich der Abwärtstrend fort: Ärzte und Ingenieure verlassen das Land, das „German-Bashing“ grassiert, Asylsuchende treten in den Hungerstreik.

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          Griechenland hat die „Abwicklung“ des zyprischen Bankensystems besser überstanden als erwartet. Befürchtungen, Griechen könnten in der Furcht vor Zwangsabgaben nach zyprischem Muster massenhaft ihre Konten bei einheimischen Banken auflösen und Geld in das Ausland überweisen, haben sich bisher nicht bestätigt. Im Gegenteil: Athens Zentralbankchef Georgios Provopoulos teilte am Mittwoch mit, dass die Einlagen bei griechischen Banken im März sogar um mehr als 1,5 Milliarden Euro gestiegen seien. Provopoulos wiederholte auch seine Zusicherung, alle Guthaben bei griechischen Banken, also ausdrücklich auch jene von mehr als 100.000 Euro, seien sicher.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Dass der Anfang März von einigen Athener Bankmanagern befürchtete Ansturm auf griechische Institute ausblieb, ist indes auch fast die einzige gute Nachricht aus Griechenland. Ansonsten setzt sich der gesellschaftliche Erosionsprozess nämlich unvermindert fort, auch wenn es Ministerpräsident Antonis Samaras an der Spitze der seit Juni vergangenen Jahres regierenden Dreiparteienkoalition gelungen ist, wenigstens die Illusion politischer Stabilität zu schaffen. Dieser Illusion stehen jedoch Zahlen gegenüber, die bis auf wenige Ausnahmen einen anhaltenden Abwärtstrend dokumentieren. Laut einer dieser Tage an der Universität Thessaloniki veröffentlichten Studie haben seit 2010 mehr als 120000 Ärzte, Ingenieure, Techniker, Chemiker und andere Fachleute ihrer Heimat den Rücken gekehrt. Da auch viele Griechen mit einfacher Ausbildung sowie Gastarbeiter das Land verlassen haben, könnte Griechenlands Bevölkerungszahl sogar unter elf Millionen gefallen sein.

          Unter Verweis auf die hohe Arbeitslosigkeit weigern sich viele griechische Politiker unterdessen, die von der Troika geforderte Reduzierung des Staatsapparates ernsthaft in Angriff zu nehmen. In Samaras’ Koalition ist weiterhin vor allem die Linkspartei Dimar gegen die Entlassung von Beamten. Sie hat sogar mit dem Ausscheiden aus der Regierung gedroht, sollte es doch dazu kommen. Der bei seinen Landsleuten ebenso bekannte wie unpopuläre Athener Publizist Takis Michas sagt jedoch, dass es in dieser Frage zwischen den einzelnen Parteien keinen maßgeblichen Unterschied gebe: „Nicht eine der sieben im Parlament vertretenen Parteien tritt für eine Reduzierung des Staatssektors ein. Alle sind sich im Gegenteil einig darin, dass die Entlassung von Staatsbediensteten, von denen viele ihre Einstellung politischen Gefälligkeiten verdanken, eine rote Linie sei.“ Weiterhin seien alle griechischen Parteien daran interessiert, einen aufgeblähten öffentlichen Sektor zu benutzen, um jenes klientelistische System fortzuschreiben, das Griechenland in den Bankrott geführt habe, so Michas. Er nimmt die Geldgeber des Landes allerdings nicht von seiner Kritik aus: „Statt hier und jetzt auf einer radikalen Verkleinerung des Staatsapparats zu bestehen, scheinen sie sich damit zu begnügen, dem Land eine drakonische Steuerlast aufzubürden, welche die griechische Wirtschaft abwürgt.“

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