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Griechenland : Erniedrigte und Beleidigte

Auch in den griechischen Tageszeitungen wird Wolfgang Schäuble angegriffen Bild: dapd

Die griechisch-deutsche Schmähkultur blüht. Präsident Papoulias fragt, wer denn Herr Schäuble sei, „dass er das griechische Volk beleidigen kann?“ Das griechische Volk indes behält sich das rhetorische Verprügeln der eigenen politischen Klasse gern selbst vor.

          Die Erregungsschwelle griechischer Politiker hat etwas mit dem Siedepunkt des Wassers auf dem Everest gemein - sie ist deutlich schneller erreicht als anderswo. In diesem Sinne ist auch die jüngste Äußerung des griechischen Staatspräsidenten Karolos Papoulias zu deuten.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Athen.

          Papoulias - der sich als Heranwachsender dem Kampf gegen die deutsch-italienisch-bulgarische Besatzung seiner Heimat anschloss, während der griechischen Militärdiktatur nach Deutschland emigrierte, dort studierte und wie viele Angehörige der griechischen Elite fließend Deutsch spricht - wurde für einen Staatspräsidenten äußerst deutlich: „Ich akzeptiere es als Grieche nicht, dass mein Land von Herrn Schäuble beleidigt wird. Wer ist denn Herr Schäuble, dass er Griechenland beleidigen kann? Wer sind denn die Niederländer? Wer sind die Finnen?“, sagte Papoulias, umgeben von hochdekorierten Generälen der griechischen Armee, mit denen er ein Treffen hatte.

          Auch im griechischen Parlament geht es manchmal hoch her

          Anlass für den präsidialen Zorn auf Schäuble, der gleich noch Niederländer und Finnen in Sippenhaft nahm, war ein Interview, das der Bundesfinanzminister dem Südwestfunk gegeben hatte. Darin sagte Schäuble, was alle denken, ein Minister aber zumindest öffentlich besser ungesagt ließe. Wer stelle denn sicher, fragte Schäuble rhetorisch, dass Griechenland nach den kommenden Parlamentswahlen noch zu seinen Sparverpflichtungen stehe? Schäuble nannte den für April vorgesehenen Wahltermin „sehr bedenklich“ und empfahl den Griechen kaum verhüllt, erst in einem Jahr zu wählen.

          „Wer ist Herr Schäuble, dass er Griechenland kränkt? Wer sind die Niederländer? Wer sind die Finnen?“, fragt Griechenlands Staatspräsident Karolos Papoulias.

          Auch die Deutschen würden es sich zu Recht verbitten, wollten ausländische Minister ihnen vorschreiben, wann sie ihr Parlament zu wählen haben. Doch der Anlass für den Zorn des Präsidenten dürften andere Sätze gewesen sein. Während Schäuble die Reformen Italiens, Spaniens, Portugals und Irlands ausdrücklich lobte, bedauerte er nämlich die Griechen, die leiden müssten, „weil die politische Klasse in Griechenland über Jahre und Jahrzehnte versagt hat“.

          Eine korrekte Aussage, mit der sich ein deutscher Finanzminister freilich auf einen Schlag mehr Feinde in Athen macht, als er von Amts wegen ohnehin schon hat - auch beim griechischen Volk, das sich das rhetorische Verprügeln der eigenen politischen Klasse gern selbst vorbehält und allergisch reagiert, wenn Ausländer mitprügeln wollen. Zumal den griechischen Wählern natürlich nicht verborgen blieb, dass Schäuble in dem von Athener Medien ausführlich zitierten Gespräch auch an ihrer politischen Reife zweifelte, als er von dem „normalen demokratischen Prozess“ sprach, „dessen Auswirkungen wir ja in Griechenland über Jahrzehnte beobachtet haben“.

          Allerdings bieten auch weit harmlosere Vorgänge griechischen Politikern regelmäßig Anlass, sich beleidigt, entwürdigt oder sonstwie herabgesetzt zu fühlen oder sich zumindest so darzustellen. In einer für ihn charakteristischen Gleichsetzung seiner Person mit dem Land reagierte der mutmaßliche nächste griechische Ministerpräsident Antonis Samaras im vergangenen November auf die von der EU geforderte schriftliche Zusicherung seines Sparwillens höchst gereizt: Er „erlaube niemandem“, an seinen Worten zu zweifeln, sagte Samaras - denn das gehe gegen die „nationale Würde“ Griechenlands.

          Parlamentssprecher Philippos Petsalnikos, der ebenfalls in Deutschland studierte, führt sogar Buch über tatsächliche oder vermeintliche deutsche Beleidigungen. Er hat einen Aktenordner angelegt, in dem er Hunderte Veröffentlichungen deutscher Medien und Politiker über Griechenland sammelt, die seiner Ansicht nach abschätzigen Inhalts sind. Es gehe um „Simplifizierungen, Verallgemeinerungen, Unwahrheiten und ironische Bemerkungen, die sich außerhalb der Grenzen der Kritik bewegten und nicht selten die Würde der Griechen und der griechischen Kultur allgemein berührten“, sagte Petsalnikos über seinen Teutonen-Pitaval. Das war ganz am Anfang der Krise, im April 2010. Schon damals hatte er 195 Dokumente zusammengetragen, die den inkriminierenden Tatbestand der Hellenenschmähung erfüllten.

          Dass es Geschmacklosigkeiten auf deutscher Seite gab, ist allerdings wahr. Einen Tiefpunkt erreichten sie in der üblen Hetzschlagzeile „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen“ („Bild“-Zeitung). Von solchen Tönen haben sich deutsche Politiker jedoch immer wieder distanziert. Wenn Athener Medien hingegen Angela Merkel in Naziuniform abbilden und KZ-Parolen paraphrasieren, die deutsche Kanzlerin also als Völkermörderin hinstellen, bleibt die Erregung griechischer Politiker leider aus. Vergleichweise harmlos ist da noch Griechenlands Oppositionsführer Alexis Tsipras, der sagte, Wolfgang Schäuble spiele in Griechenland die Rolle wie im Zweiten Weltkrieg die (deutschen) Panzer. Mit einer Maßregelung durch Parlamentspräsident Petsalnikos muss Tsipras nicht rechnen, wenn er die Bundesregierung des Jahres 2012 mit Hitlers Verbrecherregime gleichsetzt.

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