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Entschädigung für Griechenland : Wer Deutschland sagt, muss auch Italien sagen

Vor der Invasion: Eine Patrouille im griechisch-italienischen Krieg 1940 auf dem Weg in Richtung Front Bild: Picture-Alliance

Wie kaum ein anderer Staat hat Griechenland im Zweiten Weltkrieg unter der deutschen Besatzung gelitten. Doch über die maßgebliche Beteiligung Italiens schweigen die Athener Politiker.

          Griechenland gehöre zu jenen Staaten, die am stärksten unter der deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg gelitten hätten, ist von griechischen Politikern oft zu hören. Das ist richtig, aber unvollständig. Denn es waren drei Staaten, die Griechenland besetzt hielten. Korrekt müsste von einer deutsch-italienisch-bulgarischen Besetzung die Rede sein – zumindest bis Ende 1943, als Italien ausfiel. Demnach müsste Ministerpräsident Alexis Tsipras Reparationsforderungen nicht nur an Berlin richten, sondern auch an Rom und Sofia. Es ändert zwar nichts an den von Deutschen begangenen Verbrechen, doch kaum überspitzt ließe sich sogar behaupten: Dass Hitlers Armeen im April 1941 in Griechenland einfielen, hatten die Griechen Italien zu verdanken.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Italiens Diktator Benito Mussolini hatte seine Truppen gegen Griechenland in Marsch gesetzt, doch seine zuverlässig versagenden Soldaten wurden von den griechischen Verteidigern gedemütigt und zurückgeschlagen. Im Frühjahr 1941 sandte Großbritannien zudem ein vor allem aus neuseeländischen und australischen Soldaten bestehendes Expeditionskorps zur Unterstützung der Griechen, was die Gefahr einer endgültigen italienischen Niederlage noch verstärkte. Erst diese Aussicht und die Furcht, die Briten könnten von Flugplätzen in Nordgriechenland aus die für den deutschen Angriff auf die Sowjetunion entscheidenden Ölfelder Rumäniens bombardieren, veranlassten Hitler zur Entscheidung für einen Krieg, den er eigentlich nicht wollte.

          Am 6. April 1941 griffen deutsche Truppen Griechenland und (aus anderen Gründen) Jugoslawien an. Griechenland wurde in drei Besatzungszonen aufgeteilt. Athen, Thessaloniki, der Osten Thrakiens an der türkischen Grenze sowie das von den Fallschirmjägern eroberte Kreta und einige ägäische Inseln fielen an das Deutsche Reich, dessen Truppen auf dem Balkan überproportional von Soldaten aus Österreich gebildet wurden. Der Osten des griechischen Teils von Mazedonien sowie fast ganz Thrakien wurden von Bulgarien besetzt und annektiert, der Rest fiel an Italien.

          Die britische Seeblockade verschärfte die Hungersnot noch

          Alle Besatzungsmächte verübten Verbrechen, doch besonders grausam traten Bulgaren und Deutsche auf. Sofia betrieb eine gewaltsame Bulgarisierungspolitik und setzte auf systematische Vertreibungen, um in den eroberten Gebieten bulgarische Bauern anzusiedeln. Mit Geschichten über bulgarische Kriegsverbrechen in Griechenland lassen sich Bücher füllen. Mit denen über deutsche Untaten allerdings erst recht. Es gab viele Massaker von Waffen-SS und Wehrmacht. Die drei bekanntesten sind die von Kommeno, Kalavryta und Distomo. In Kommeno wurden im August 1943 mehr als 300 Einwohner getötet, auch Frauen und Kinder. In Kalavryta waren es im Dezember 1943 fast 500 Männer, in Distomo bei Delphi im Juni 1944 mehr als 200 Männer, Frauen und Kinder. Fast 70 Jahre später wählte der heutige Verteidigungsminister Panos Kammenos Distomo als Ort für die Gründungsversammlung seiner antideutschen Partei „Unabhängige Griechen“ aus. Zum Verständnis der Massaker gehört allerdings auch, dass in oder bei den heimgesuchten Orten zuvor Partisanenüberfälle auf Deutsche stattgefunden hatten. So waren bei Kalavryta mehr als 80 gefangene deutsche Soldaten durch die Partisanen hingerichtet worden, bevor es als Antwort zu der grausamen „Sühneaktion“ kam.

          Nicht alle Zerstörungen wurden allerdings von Deutschen verübt. Ein kleiner, mit Fallschirmen abgesetzter britischer Trupp war mit Sabotageakten sehr erfolgreich. Er hatte es besonders auf die Eisenbahnlinie Thessaloniki–Athen abgesehen, die für die Versorgung des Afrikakorps entscheidend war. Ende 1942 gelang Briten und lokalen Partisanen durch die Sprengung der noch heute beeindruckenden Brücke über die Gorgopotamos-Schlucht einer der spektakulärsten Sabotageakte des Krieges. Die Wehrmacht ging zur Abschreckung dazu über, angesehene Griechen als Geiseln in offenen, mit Stacheldraht gesicherten Güterwagen in den Zügen mitfahren zu lassen.

          Durch die britische Seeblockade und deutsche Plünderungen verschärfte sich auch die Hungersnot in Griechenland. Als der erste Besatzungswinter 1942 endete, waren mehr als 100.000 Griechen verhungert. Auf amerikanischen Druck hin mussten die Briten ihre Blockade lockern, damit das Schweizer Rote Kreuz Nahrungsmittel nach Griechenland bringen konnte. So sank die Zahl der Hungertoten. Als die Wehrmacht im Oktober 1944 abzog, ließ sie den Krieg da. Der griechische Bürgerkrieg, der weiter Tod und Zerstörung brachte, endete erst 1949.

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