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Frankreichs Grüne : Vom Au-pair zur Präsidentschaftskandidatin

Kreuzritterin statt Medienstar: Eva Joly kann sich gegen Nicolas Hulot (l.) bei den Vorwahlen durchsetzen Bild: REUTERS

Eva Joly siegt über Nicolas Hulot und führt die französischen Grünen in den Wahlkampf. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima Mitte März trat die gebürtige Norwegerin auf, als könne sie es allein mit der Atomlobby des Landes aufnehmen.

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          An ihren harschen nordischen Akzent werden sich die Franzosen gewöhnen müssen: Eva Joly zieht für die neue französische Umweltpartei (Europa Ökologie Die Grünen) in den Präsidentenwahlkampf und will sich Gehör verschaffen. Im Vorwahlkampf war die kühle, moralerfüllte Frau aus Norwegen mit der runden roten Brille zunächst unterschätzt worden. Doch schon der erste Wahlgang, in dem sie nur knapp die absolute Mehrheit verfehlte, zeugte von ihrer Überzeugungskraft.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Am Dienstagnachmittag gab ihre Partei nun bekannt, dass sich Eva Joly im zweiten Wahlgang gegen ihren Rivalen Nicolas Hulot durchgesetzt hat: Gut 58 Prozent der Stimmen entfielen auf Eva Joly, während Hulot nur gut 41 Prozent erzielte. Der populäre Fernsehmoderator einer Umweltsendung hatte seiner siegreichen Rivalin schon vor der offiziellen Bekanntgabe des Ergebnisses gratuliert: Er beuge sich respektvoll vor dem klaren Ergebnis für Eva Joly, schrieb er in einer Mitteilung.

          Spröde aber aufrichtige Wirkung

          Die 67 Jahre alte frühere Untersuchungsrichterin hat es vermocht, sich als unfehlbare Kämpferin gegen die Mächtigen der Welt zu profilieren - und damit die Sympathien der grünen Vorwähler gewonnen. Anders als der medienerfahrene Hulot zeigte sie sich stets spröde und belehrend, doch ihr Einsatz für ökologische Nachhaltigkeit wirkte auf ihr Publikum aufrichtiger als das des Fernsehstars Hulot. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima Mitte März trat sie auf, als könne sie es allein mit der französischen Atomlobby aufnehmen. Mit ähnlich kreuzritterlichem Elan stürzte sie sich in den Kampf gegen die Förderung von Schiefergas aus dem französischen Untergrund.

          Und zwischendurch kehrte sie immer wieder zu ihrer Lieblingsthese zurück, die ihr politisches Engagement begründet: Korruption beherrsche die größten und angesehensten Unternehmen und deren politische Helfershelfer, allein das Bewusstsein für die Finanzkriminalität fehle. "Die schlimmsten Verbrecher, denen ich begegnet bin, trugen Krawatten. Die Gier hat sie ihre Moral verlieren lassen", sagte Frau Joly. Damit unterschied sie sich von Nicolas Hulot, der sichtlich Gefallen daran gefunden hatte, von den Mächtigen Frankreichs - nach Präsident Jacques Chirac holte sich Präsident Nicolas Sarkozy bei ihm umweltpolitischen Rat - hofiert zu werden. Eva Joly aber rühmt sich weiterhin, in ihrer langen Laufbahn als Untersuchungsrichterin das Recht über Macht und Geld erhoben zu haben.

          Neue Heimat bei großbürgerlicher Familie

          Sie trug dazu bei, die Legende ihres Aufstiegs vom Au-pair-Mädchen zur Präsidentschaftskandidatin auszuschmücken. Im zarten Alter von 18 Jahren - bei den norwegischen Miss-Wahlen war sie zuvor auf Platz 3 gelandet - zog es das blonde Mädchen Gro Eva Farseth nach Paris. Da fand es bei einer großbürgerlichen Arztfamilie in Paris als Au-pair-Mädchen eine neue Heimat. Um die Söhne der Familie kümmerte sie sich so gut, dass der Älteste um ihre Hand anhielt - eine Hochzeit, welche die Schwiegermutter zeit ihres Lebens für unstandesgemäß hielt.

          Eva Joly bekam zwei Kinder und studierte erst, als diese der mütterlichen Fürsorge nicht mehr bedurften. Mit Anfang 40 begann die zweite Karriere der Eva Joly: Sie trat als Untersuchungsrichterin in den französischen Staatsdienst. Bald schon machte sie Schlagzeilen, weil sie namhafte Geschäftsleute oder Politiker in Untersuchungshaft stecken ließ. Sie half dabei, etwas Licht ins Dunkel des Schmiergeldskandals um den damals staatlichen Erdölkonzern Elf Aquitaine zu bringen. Sie glaubt, dass ihr gewisse Politiker ihren Kampf gegen die Korruption nie verziehen haben. Filmregisseur Claude Chabrol nahm sich Eva Joly als Vorbild, um die Elf-Affäre auf die Leinwand zu bringen, mit Isabelle Huppert in der Rolle der unbarmherzigen Untersuchungsrichterin.

          Cohn-Bendit holte Joly zurück in die Politik

          Doch Frau Joly zürnte dem großen Chabrol, ihr Leben so freizügig interpretiert zu haben. Der Film "Geheime Staatsaffären" (im Original: "L'Ivresse du pouvoir") missfiel ihr auch deshalb, weil ihre Ehe in ungünstigem Licht erscheint. Der Freitod ihres Mannes Pascal Joly bleibt für sie ein Tabuthema. Genauso wenig schätzt es Eva Joly, auf ihre norwegische Herkunft angesprochen zu werden - sie habe es satt, ihre französische Identität in Frage gestellt zu sehen. Dabei hatte sie sich einige Jahre in ihren Geburtsort Oslo zurückgezogen, als Beraterin für Korruptionsbekämpfung der norwegischen Regierung. Sie habe nie vorgehabt, Frankreich zu verlassen, sagt sie.

          Der Grüne Daniel Cohn-Bendit holte Eva Joly in die Politik. Er überzeugte sie 2009, bei den Europawahlen anzutreten. Sie hatte Erfolg und zog ins Europäische Parlament ein. Die Umweltpartei "Europa Ökologie" erzielte ihr bislang bestes Wahlergebnis und lag knapp hinter den Sozialisten. Eva Joly hat sich vorgenommen, zum Bündnispartner auf Augenhöhe für die Sozialisten aufzusteigen; Umfragen für die Präsidentenwahl sehen sie bei etwa zehn Prozent der Stimmen.

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