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Dschihadisten aus der Provinz : Frankreichs neue Krieger

Bei einer Razzia im Januar wurden in Lunel weitere Sympathisanten der Salafisten festgenommen. Bild: AP

Eigentlich würde man in der kleinen Stadt Lunel in Südfrankreich gerne über Tourismus reden. Aber weshalb sind aus diesem Idyll so viele junge Männer in den Dschihad nach Syrien gezogen? Was macht Lunel zur „Hauptstadt des französischen Dschihad“?

          Vom Bahnhof sind es nur ein paar Schritte unter hohen Platanen bis zum Rathaus mit seiner schmucken weißen Fassade. Der Himmel schimmert in wolkenlosem Blau wie auf dem Werbeplakat an der Straßenecke, auf dem der berühmte Muskatwein aus Lunel angepriesen wird. Ältere Männer sitzen palavernd in einem Straßencafé, vom nahe gelegenen Schulhof dringt Kindergeschrei herüber. Aus der Altstadt ragt der mittelalterliche Glockenturm der Kirche Notre-Dame-du-Lac hervor. Auf den ersten Blick wirkt Lunel wie ein beschauliches Städtchen mit südlichem Flair. Und hier soll die „Hauptstadt des französischen Dschihad“, das „Versuchslabor des Heiligen Krieges made in France“ liegen, wie es unter anderen „Le Monde“ und „New York Times“ schrieben?

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Im Sitzungssaal des Rathauses empfängt Christine Bonelli mit ernster Miene. Eigentlich wolle der Bürgermeister überhaupt keine Journalisten mehr in Lunel sehen, sagt sie seufzend. Bonelli leitet die Kommunikation der 26 000-Einwohner-Stadt in der Schwemmlandschaft der Kleinen Camargue zwischen Montpellier und Nîmes. Sie redet so, als müsse sie einen Fluch austreiben, der auf Lunel liegt. Das Verhängnis begann aus ihrer Sicht, als im vergangenen Jahr zwanzig junge Leute zwischen 18 und 28 Jahren von hier in den „Heiligen Krieg“ nach Syrien zogen. Sieben von ihnen sind inzwischen tot. Der letzte, Karim, kam am 25. April bei einem Selbstmordattentat an einem Grenzposten zum Irak ums Leben. Die Todesnachricht übermittelte Karims Bruder Yassine, der nicht daran denkt, das Kriegsgebiet zu verlassen und nach Lunel zurückzukehren.

          Parallelen zwischen Lunel und Dinslaken

          Bonelli würde am liebsten keine Zeitung mehr aufschlagen. Sie sagt, es sei ungerecht, dass Lunel am Pranger stehe. Es tröstet sie etwas, dass eine ihr bis dahin unbekannte Stadt in Deutschland, Dinslaken, ein ähnliches Phänomen erlebt. Hoher Migrantenanteil, hohe Arbeitslosigkeit, tiefe Identitätskrise vieler Jugendlicher - Parallelen zwischen Lunel und Dinslaken gibt es viele. „Was hätten wir denn tun sollen, damit es nicht passiert?“, fragt Bonelli. Sie würde viel lieber über die sommerlichen Stierwettkämpfe reden, bei denen kein Blut fließt; über das neue, der Buchkunst gewidmete Médard-Museum; über das Leben in Lunel, das lange so süß war wie der edle Muskatwein, der hier gekeltert wird. „Wenn man bedenkt, wie viele Muslime hier leben, dann war unser Zusammenleben eigentlich immer vorbildlich“, sagt sie.

          Ein Bild von einer französischen Stadt: An den Briefkästen der Häuser in den engen Gassen des Zentrums stehen überwiegend arabische Namen.

          Statistiken über ethnische Zugehörigkeit und religiöse Orientierung sind in Frankreich verboten. Deshalb ist die genaue Zahl der Franzosen mit Einwanderungshintergrund in Lunel unbekannt. Gesichert ist nur, dass sich die Bevölkerung in Lunel seit der Unabhängigkeit Marokkos und Algeriens verdreifacht hat. Auf den Obstplantagen und an den Weinstöcken in der Umgebung wurden viele Hände gebraucht. Heute ist die Arbeitslosenquote mit zwanzig Prozent überdurchschnittlich hoch. Der französische Ökonom Nicolas Bouzou hat im Auftrag des Bürgermeisters nach Gründen dafür gesucht. Bouzou kam zu dem Schluss, dass das Missverhältnis aus dynamischer Zuwanderung und begrenztem Arbeitsmarkt schuld daran ist. Drei Jahrzehnte lang, bis in die Mitte der neunziger Jahre hinein, sei die Zahl der Erwerbstätigen durch Zuwanderung wesentlich schneller gewachsen als im Landesdurchschnitt. Dabei handelte es sich meist um schlecht ausgebildete Arbeitskräfte, die auch anderswo schwer vermittelbar seien. „Die Herausforderung ist zu groß für eine Stadt wie Lunel“, so der Ökonom.

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