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Flüchtlinge : Europas neuer Eiserner Vorhang

Nato-Draht gegen Flüchtlinge aus aller Welt: Ungarische Soldaten errichten den neuen Zaun an der Grenze zu Serbien. Bild: AP

Es ist noch nicht lange her, da rissen die Europäer Zäune nieder. Jetzt errichten sie neue. Mit anderem Ziel.

          Die Zukunft der Europäischen Union wird von mehr Flüchtlingen und mehr Mauern bestimmt werden. Hunderttausende Menschen sind aus Afrika, Asien und vom Balkan in die EU gekommen, Millionen wollen ihnen folgen, ein Ende ist nicht absehbar. Viele Europäer heißen die ungesteuerte Masseneinwanderung gut, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Einige halten multikulturelle Gesellschaften mit möglichst wenig Gemeinsamkeiten für ein Ideal. Andere wollen billige Arbeitskräfte für die Wirtschaft und junge Menschen, die das demographische Defizit kinderarmer Völker ausgleichen. Wieder andere halten es jenseits aller Nützlichkeitserwägungen schlicht für moralisch geboten, dass Europa alle Menschen aufnimmt, die Aufnahme begehren. Kein Mensch ist illegal, lautet ihre Losung.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Andere Europäer stehen der Masseneinwanderung, wiederum aus unterschiedlichen Gründen, ablehnend gegenüber. Manche sehen den sozialen, religiösen oder politischen Frieden der aufnehmenden Gesellschaften Europas in Gefahr. Sie fürchten, dass die aus gescheiterten Staaten Geflüchteten Einstellungen mitbringen, die eines Tages auch die eigenen Gemeinwesen scheitern lassen werden. Einige sind Rassisten, die Schwarze ablehnen, weil sie schwarz sind, oder Albaner, weil sie Albaner sind.

          Immer mehr Staaten schotten sich gegen Flüchtlinge ab

          Die Gegner der Einwanderung müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass der massenhafte Zustrom von Menschen nach Nordwesteuropa eine Tatsache ist, die sich nicht wegwünschen lässt. Allerdings müssen sich auch die Befürworter der Einwanderung mit einer Tatsache abfinden, die ihnen gegen den Strich geht: Immer mehr Staaten in Europa werden Grenzzäune, Mauern und andere Sperren errichten, um sich abzuschotten. So reagieren Gesellschaften, die sich bedroht wähnen. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob die Bedrohung real oder eingebildet ist.

          Was sich derzeit in Europa abspielt, ist auch die Revision des Traums von einem Kontinent ohne Grenzen. Ein berühmter Wegbereiter dieses Traums war ein Mann, der einst mit einem Bolzenschneider in der Hand hinter einem Drahtzaun stand. Das Bild des Mannes mit dem Bolzenschneider ist eines der berühmtesten Fotos des wunderbaren Jahres 1989, als alles anders wurde in Europa. Der Mann war Gyula Horn, Ungarns damaliger Außenminister. In einer der wirkungsvollsten PR-Aktionen der Geschichte zerschnitt er symbolisch den Zaun zu Ungarns Grenze nach Österreich. Die Nachricht lautete: Die Zeit des Eisernen Vorhangs, der jahrzehntelang Millionen Europäer von Millionen Europäern trennte, ist vorüber.

          Ein Vierteljahrhundert später geht es nun wieder in die andere Richtung. Zäune werden nicht mehr eingerissen, sondern aufgebaut. Eine neue Zeit der Grenzen hat begonnen. Nato-Draht und Wärmebildkameras sind die Wahrzeichen der Stunde. Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán („Wir wollen keine multikulturelle Gesellschaft“), der Alexis Tsipras von Europas Konservativen, hat erkannt, dass europäische Symbolpolitik heute anders funktioniert als vor einem Vierteljahrhundert. Also lässt er eine Mauer bauen, die Einheimische nicht am Weggehen, sondern Fremde am Kommen hindern soll. Ungarn baut an der Grenze zu Serbien einen drei Meter hohen Zaun gegen Flüchtlinge aus aller Welt.

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