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AfD-Spitzenkandidat Bernd Lucke : Schwarzmalen nach Zahlen

  • -Aktualisiert am

Betrachtet Politik als Mathematikaufgabe: Bernd Lucke Bild: Thomas Trutschel/photothek.net

Bernd Lucke ist Wirtschaftsprofessor – aber auch Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl. Also muss er sich dem Volk nähern. Wie soll das gelingen?

          Bernd Lucke, Gründer der Alternative für Deutschland, wird am kommenden Sonntag ins Europaparlament gewählt werden. Doch der Sieg wird eigentlich eine Niederlage sein. Die Wähler werden Lucke zu etwas machen, das er geringschätzt: zu einem Berufspolitiker.

          Lucke tritt zwar als Spitzenkandidat seiner Partei an, aber wenn man ihn in einer Talkshow als „Politiker“ anspricht, entfährt ihm ein überlegenes Lachen. Klare Ansage: „Ich bin doch überhaupt kein Politiker!“ Bernd Lucke ist Professor für Makroökonomie, nicht von Beruf, sondern gewissermaßen von Natur aus. Es ist dann auch sein Beruf geworden, aber jetzt, wo er einen neuen Beruf anstrebt, Politiker, stellt sich heraus, dass er einfach weiter Volkswirtschaftsprofessor bleibt. Lucke betrachtet Politik wie eine Mathematikaufgabe: Man muss nur alles exakt ausrechnen, dann kommt das richtige Ergebnis heraus. Wer am besten rechnet, hat recht. Also er.

          Im Februar saß Lucke bei Maischberger, das Thema der Sendung war: „Hartz IV für alle: Sind wir das Sozialamt Europas?“ Außer Lucke waren zwei Journalisten, zwei Europaabgeordnete und ein Hartz-IV-Empfänger eingeladen. Nach 48 Minuten maulte er: „Ich finde ein wenig bedauerlich die Auswahl der Gäste in dieser Runde.“ Den anderen fehle es „an den Kenntnissen über die Zahlen“. Solche Sätze sagt er öfter, sie wollen einfach aus ihm heraus. Dann füllen sie den Raum mit heller, blanker Arroganz.

          Zahlenspiele eines Einzelnen

          Die Wähler, überwiegend keine Wirtschaftsprofessoren, erwarten aber mehr als die Zahlenspiele eines Einzelnen. Gerade vom Spitzenkandidaten der AfD. Die Partei will ja eine Bewegung „engagierter Staatsbürger“ sein, also nicht nur volksnah, sondern das Volk selbst, und das bedeutet zum Beispiel: Nähe, Herzlichkeit, Wir-Gefühl. Luckes Bemühungen in den Monaten vor der Europawahl konzentrieren sich darauf, das zu simulieren.

          Zum Beispiel an einem grauen Februartag in Osterhofen, tiefstes Bayern. Die AfD feierte hier politischen Aschermittwoch. Sie hatte eine Halle im Gewerbegebiet gemietet; drinnen dufteten schon Schweinshaxen, und die Blaskapelle spielte den Marsch „Deutsche Treue“. Draußen schütteten Reisebusse Rentner aus. Auf dem Parkplatz wartete Bernd Lucke, 51, klein und schmal; sein weiter, dunkler Mantel stand wie eine Rüstung um ihn. Eine Frau redete klagend auf Lucke ein: Der hessische Landesverband sei völlig zerstritten, Lügner und Betrüger lenkten seine Geschicke. Lucke sah müde aus. Er war schon einmal zu Schlichtungsgesprächen nach Hessen gefahren. Danach hatte er der Presse versichert, dass nun alles in Ordnung sei. Und jetzt das. Ärgerlich. Aber so war es immer mit den einfachen Mitgliedern, sie sabotierten ihn mit ihrer Einfältigkeit. Auch an diesem Morgen wieder.

          Vor der Festhalle stand stumm ein einsamer Demonstrant, ein schmächtiges Kerlchen mit Pappschild vor der Brust. Aufschrift: „AfD hetzt mit perfiden und infamen Lügen gegen Euro und Kinderlose!“ Bernd Lucke schritt unter großer Beachtung der Journalisten mit weit ausgestreckter Hand auf ihn zu, eine Geste der Toleranz, die Fotografen fotografierten dankbar. Aber als Lucke außer Sicht war, sprang ein AfD-Mann aus einem Bus, entriss dem Kerlchen das Plakat und zertrat es auf dem Boden wie ein Wahnsinniger. Die Polizisten, die eigentlich die Halle sichern sollten, eilten herbei, um den kleinen Mann zu beschützen. Kein schönes Bild.

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