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Europäische Union : EU-Frust

Die EU funktioniert: Die Gremien tagen, die Krisenmechanismen greifen - man braucht einander Bild: dpa

Die Europameisterschaft ist ein Sinnbild für den Status der Europäischen Union: Man streitet miteinander und gehört doch zusammen. Die Völker, deren Mannschaften beim Fußball angefeuert werden, sind die Grundlage der EU.

          Wer hat sie vermisst? Die EU-Kommission hat die Fußball-EM boykottiert. Doch das ist niemandem aufgefallen. Es war ohnehin eine leere Drohung. Denn weder die EU noch gar deren Kommission hat eine Mannschaft geschickt. Es spielten Nationalmannschaften europäischer Staaten. Nicht wenige halten das für überholt. Jungmillionäre, die in Vereinen auf dem ganzen Kontinent ihr Geld verdienen, in Monaco keine Steuern zahlen, mitunter zielgenau eingebürgert wurden, sie alle bemühen sich, die Hymnen der Länder zu singen, für die sie auftreten. Und doch ist dieses Sportereignis ein Sinnbild für die Europäische Union: Man gehört zusammen und streitet doch miteinander - und zwar friedlich und nach Regeln.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“, „Staat und Recht“ sowie Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Solche Feste sind ein Hort des (Fußball-)Patriotismus. Auch Nationalismus ist nicht zu übersehen, kriegerische Symbolik, historische Anleihen. Und es sage niemand, das alles habe mit Politik nichts zu tun. Die nationalen Politiker pilgern in die Stadien - sie wissen, was die heimischen Zuschauer erwarten. Die Gefühle, die sich innerhalb und außerhalb der Stadien Bahn brechen, sind gewiss Momentaufnahmen, Phasen eines Ausnahmezustands, der das Endspiel nicht überdauert. Aber die Emotionen sind eben da, auch jenseits von Brot und Spielen, und können abgerufen werden. Zum Beispiel in der Euro-Krise.

          Die Krisenmechnismen greifen

          Von Populisten, gewiss. Aber was machen die anderes, als dem Volk aufs Maul zu schauen. Auch hier wird zum Glück längst nichts alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Trotz übler Kampagnen und obwohl es in diesen Tagen wieder einmal um die Grundlagen, um Wohl, Wehe und Währung der EU geht, funktioniert sie. Die Gremien tagen, die Krisenmechanismen greifen ineinander. Man weiß, man gehört zusammen und braucht einander. Man will nach außen möglichst geschlossen auftreten. Aber auch nicht die nationale Identität verlieren.

          Auch wenn man ein Spiel verliert. Wer auf die Identitäten verweist, aus denen sich Europa erst bildet, ist nicht rückwärtsgewandt, sondern auf der Höhe der Zeit. Die Europäische Union in ihrer jetzigen, so von allen ihren Mitgliedern gewollten Form ist nun einmal ein Verbund von Staaten - die freilich auf vielen Feldern bewusst nicht mehr allein, sondern nur noch gemeinsam entscheiden wollen. Hier ist es vielleicht typisch deutsch, aber auch von allen verabredet, dass man sich an die Form hält: also etwa die Zuständigkeiten einhält, die übrigens auch Identitätsfragen sein können. Leider ist hier auch das so wirtschaftsstarke und den Rechtsstaat vor sich hertragende Deutschland nicht immer Vorbild: sowohl was die Verschuldung als auch die sonstige Rechtstreue angeht: siehe Vorratsdatenspeicherung. Souveränität und Stolz muss man jedem EU-Land zubilligen, gerade in der Krise.

          Europa in der Verlängerung

          Wenn es hart auf hart kommt - und jetzt befindet sich Europa gleichsam in der Verlängerung - dann muss alles stimmen, dann sind Kampf wie Präzision vonnöten. Kampfgeist für Europa ist mehr als genug vorhanden. Doch die Spielmacher feuern nur noch blind nach vorn. Auch die (nationalen) Schiedsrichter sollen Partei ergreifen - beharren aber darauf, sie seien nicht dazu da, eine bestimmte Politik zu begleiten. Sondern die Regeln zu überwachen. Nun ersetzen Regeln keine Politik. Kautelen können keine Mentalitäten ändern.

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