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Neue Studie : Europa ohne überzeugte Europäer

Großbritannien könnte das erste Land sein, welches aus der Europäischen Union ausscheidet. Bild: dpa

Die Europäer sind gespalten, was das Verhältnis ihrer Staaten zur EU betrifft. Viele bevorzugen eine starke nationale Politik, wollen aber, dass die EU mehr Gewicht in der Weltpolitik bekommt. Kann die Staatengemeinschaft das aushalten?

          Die Europäische Union steht vor schweren Zeiten. Möglicherweise entscheiden die Briten sich in gut einer Woche, aus der Staatengemeinschaft auszutreten, die Folgen der Wirtschaftskrise sind immer noch nicht überwunden und das Vorgehen gegen Russland ist unter den Mitgliedstaaten hoch umstritten. Dazu kommt nun, dass viele europäische Bürger pessimistisch sind, was den Status ihres Staates in den internationalen Beziehungen betrifft und dafür plädieren, einen eher egoistischen, isolationistischen Kurs zu verfolgen.

          Oliver Kühn

          Redakteur in der Politik.

          Eine Mehrheit der Griechen, Italiener, Spanier und Franzosen hat das Gefühl, dass ihre Länder heute weniger Einfluss in der Welt haben, als noch vor zehn Jahren, fand eine Untersuchung des renommierten amerikanischen Instituts Pew Research Center heraus, die im April und Mai in zehn Staaten der EU (Deutschland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Niederlande, Polen, Schweden, Spanien Ungarn) durchgeführt wurde. Mit dieser pessimistischen Haltung korrespondiert die Forderung, das eigene Land solle vor allem seine Probleme lösen und sich nicht um die der anderen Staaten kümmern.

          Am meisten wird diese Forderung in Griechenland erhoben. 83 Prozent der Befragten votieren für diese Antwort in dem Land, welches auf die finanzielle Hilfe seiner europäischen Partner angewiesen ist. Aber auch Ungarn (77 Prozent), Italiener (67), Polen (65), Franzosen (60), Briten (52) und Niederländer (51) wünschen sich mehrheitlich, dass ihre Regierung einer eher selbtszentrierte Politik verfolgt. Nur einer Mehrheit der Schweden (51 Prozent), Deutschen (53) und Spanier (55) wollen weiterhin anderen Staaten Hilfe zukommen lassen.

          Damit einhergehend würde eine große Gruppe der Befragten eine Politik gutheißen, die wenig auf die Meinung von befreundeten Staaten gibt. Am ausgeprägtesten ist diese Ansicht wiederum in Griechenland (74 Prozent), gefolgt von den Briten (54), Franzosen (52), und Ungarn (51). Selbst in einem eher international ausgerichteten Land wie Schweden schließen sich immer noch 42 Prozent dieser Forderung an. Einzig in Deutschland ist die Gruppe derjenigen, die einen gemeinschaftlichen Ansatz bevorzugen mehr als doppelt so groß (67 Prozent) wie jene der Isolationisten (30). Diese Ablehnung einer multilateralen Politik äußerte sich auch in einer früheren Untersuchung, deren Ergebnis war, dass die meisten Europäer keine Vertiefung der Europäischen Union wünschen.

          Größte Gefahr IS

          Interessanterweise stimmt die Mehrheit der befragten Europäer jedoch darin überein, dass die EU auf der Weltbühne ein größere Rolle spielen sollte. Die höchste Zustimmung erhält diese Forderung in Spanien mit 90 Prozent, die niedrigste in Großbritannien, wo aber immer noch 55 Prozent sich eine aktivere EU wünschen.

          Dieses Begehren nach mehr europäischer Bedeutung hängt wahrscheinlich damit zusammen, was die Europäer als größte Gefahr für ihre Sicherheit einschätzen, nämlich die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS). Darin stimmen die Mehrheiten in den befragten Staaten überein. Den einzigen Ausreißer bildet Griechenland, wo die internationale Wirtschaftskrise als größere Gefahr wahrgenommen wird. Das rangiert bei den anderen Staaten nur auf dem dritten Rang, gefolgt von Cyberattacken fremder Staaten und der Flüchtlingskrise. Auf dem zweiten Platz liegt überraschenderweise der Klimawandel.

          Bei dieser Bedrohungsperzeption gibt es allerdings eine deutliche politische Trennung. Je weiter links auf dem politischen Spektrum sich die Befragten verorten, als desto gefährlicher sehen sie den Klimawandel an. Umgekehrt ist es bei der Flüchtlingskrise, die eher auf dem rechten politischen Spektrum als Gefahr für die Sicherheit angesehen wird. In zwei Staaten, die am heftigsten von der Flüchtlingskrise ergriffen wurden, ist diese Gruppe aber überraschend klein. In Deutschland sehen nur 31 Prozent ein Problem in dem Zuzug von Migranten und in Schweden sogar nur 24 Prozent.

          Keine Gewalt

          Klare Differenzen bei der Angst vor Migranten gibt es auch beim Bildungsgrad der Bürger, schreiben die Macher der Studie. So nehmen in Großbritannien 62 Prozent der weniger Gebildeten (bis zu Sekundärbildung) Migranten als Gefahr wahr, aber nur 30 Prozent der besser Gebildeten, eine Differenz von 32 Prozentpunkten. In den Niederlanden beträgt diese 18 Prozent und in Deutschland noch elf Prozent.

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