https://www.faz.net/-gpf-6zwh0

Euro ohne Athen? : Ein nicht mehr ganz so ernster Ernstfall

Gefällt sich in der Rolle des Volksheroen: Der Anführer der Radikalen Linken Alexis Tsipras Bild: AFP

Das politische Spiel zwischen Griechenland und den übrigen Euro-Ländern hat sich geändert: Inzwischen halten alle ein Überleben des Euros ohne Athen für möglich. Das begrenzt das griechische Erpressungspotential, auf das nicht zuletzt die Radikale Linke setzt.

          3 Min.

          Die Botschaft, die führende Politiker der EU in den vergangenen Tagen nach Griechenland geschickt haben, lautet ins Reine geschrieben so: Keiner will, dass ihr die Eurozone verlasst, aber wenn ihr nicht mehr sparen wollt, dann seid ihr draußen. Natürlich hat das keiner so unverblümt gesagt, denn in der EU pflegt man stets einen diplomatischen Umgangston.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber fast alle öffentlichen Wortmeldungen, vor allem die aus der Bundesregierung, zielten darauf ab, den widerspenstigen griechischen Parteien klarzumachen, dass eine grundlegende Überarbeitung des Reform- und Sparprogramms nicht in Frage komme. Außenminister Westerwelle sprach offen davon, dass es kein europäisches Geld mehr gebe, sollten die vereinbarten Reformen in Athen nicht fortgeführt werden. Was das in letzter Konsequenz bedeutet, dürfte allen Beteiligten klar sein: Staatsbankrott und Austritt des Landes aus dem Euro. In der nun schon zweieinhalb Jahre währenden Geschichte der Eurokrise ist das eine bemerkenswerte Wende.

          Den Milliardenhilfen für Griechenland (und später für Irland und Portugal) lag bisher nicht nur der Solidaritätsgedanke zugrunde, sondern auch die Furcht vor einem Dominoeffekt. Selbst die Pleite eines kleinen und für die Gesamtwirtschaft der EU unbedeutenden Landes wie Griechenland könne dazu führen, so lautete die Befürchtung, dass ein Eurostaat nach dem anderen das Vertrauen der Märkte verliere. Die Liste der potentiellen, weil stark verschuldeten Opfer ist lang: Neben Portugal und Irland sind das Spanien, Italien, Belgien, Slowenien und womöglich sogar Frankreich.

          Der Bundeskanzlerin und viele andere europäischen Politikern erschien das ein unvertretbar hohes Risiko, denn sie vermuteten, dass eine Serie von Austritten aus dem Euro nicht nur gewaltige finanzielle Folgen für Europas Banken und Wirtschaft haben würde, sondern auch die politischen Grundfeste der EU erschüttern würde. In einer Gemeinschaft, die ihre Währung nicht beisammen halten kann, würde wohl bald auch der Wille zur Zusammenarbeit auf anderen Gebieten erlahmen, lautete die Sorge - vom Binnenmarkt bis zur Außenpolitik. Angela Merkels Diktum, dass Europa scheitere, wenn der Euro scheitere, fasste diese Überlegungen in eine knappe Formel.

          „Griechenland würde mehr leiden“

          Diese Einschätzung scheint sich nun aber in einem entscheidenden Punkt geändert zu haben. Der EU-Währungskommissar Olli Rehn, der eigentlich für seine vorsichtigen Äußerungen bekannt ist, beschrieb die neue Lage unverblümt mit diesen Worten: „Es wäre viel schlimmer für Griechenland und die griechischen Bürger, besonders die weniger wohlhabenden griechischen Bürger, wenn Griechenland den Euro verlässt als für Europa als solches. Europa würde auch leiden, aber Griechenland würde mehr leiden.“ Rehns Äußerung steht stellvertretend dafür, dass sich aus der Sicht vieler EU-Verantwortlicher die potentielle Schadenskalkulation für den Fall eines griechischen Austritts verändert hat.

          EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso warnte die Griechen an diesem Mittwoch davor, sich bei den nächsten Parlamentswahlen vom Euro und von der EU abzuwenden. „Alle Verpflichtungen, die Griechenland und die Mitglieder der Eurozone übernommen haben, müssen respektiert werden“, sagte Barroso in Brüssel. „Die Wahrheit ist, dass es keinen leichteren Weg gibt.“

          Nicht mehr so verwundbar wie nach dem Lehman-Desaster

          In Brüssel und Berlin ist aber die Rede davon, dass die Eurozone heute nicht mehr so verwundbar sei wie in der ersten Zeit nach dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers in Amerika. Als die Griechen 2010 zum ersten Mal um Hilfe bitten mussten, gab es keinen europäischen Rettungsmechanismus und kaum Reformen in den anderen Ländern. Heute gibt es den Hilfsfonds EFSF, der demnächst durch den ESM ergänzt und abgelöst wird, und jedes Euroland hat mit der Konsolidierung der Haushalte begonnen.

          Ein Austritt Griechenlands, so das neue Kalkül, würde die Steuerzahler in den verbleibenden 16 Euroländern zwar viele Milliarden kosten und wäre alles andere als ungefährlich. Das Risiko eines gewaltigen Dominoeffekts gilt aber als geringer, schließlich wüssten die Märkte ja, dass die anderen Länder durch die „Brandmauern“ EFSF und ESM geschützt seien und die Privatgläubiger hätten einen Großteil der griechischen Schuld schon abgeschrieben. Mancher glaubt sogar, dass ein griechischer Bankrott Länder wie Spanien, Italien oder Portugal zu noch größeren Reformen anspornen würde, um den Märkten deutlich zu machen, dass sie in eine andere Kategorie von Eurostaat gehören als die sparunwilligen Griechen.

          Begrenztes griechisches Erpressungspotential

          Ob diese Rechnung im Ernstfall aufgehen würde, kann niemand verlässlich sagen. Aber die in Athen immer noch weitverbreitete Annahme, dass die anderen Euro-Länder von Griechenland letztlich abhängig seien, trifft nicht mehr so vollständig zu wie noch vor ein oder zwei Jahren.

          Das begrenzt das griechische Erpressungspotential, auf das nicht zuletzt der Führer des linksradikalen Bündnisses Syriza Alexis Tsipras so unverhohlen setzt. Wahrscheinlich erhält die griechische Elite nun auch die Quittung dafür, dass sie die anderen Euro-Länder in den vergangenen Jahren immer wieder mit gebrochenen Versprechen konfrontiert hat. Schon unter Finanzminister Venizelos war in Brüssel das Vertrauen der anderen Mitgliedstaaten in griechische Zusagen verloren gegangen. „Die Bereitschaft zu Zugeständnissen ist sehr übersichtlich“, sagt ein Beamter.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mallorcas Zukunft : Die Sauftouristen sind nicht da

          Corona hat Mallorca ins Mark getroffen und könnte es für immer verändern. Das hoffen viele, fürchten manche – und lässt niemanden kalt: Besuch auf einer verwundeten Insel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.