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Euro-Gipfel in Brüssel : Angstfrei die Freiwilligkeit erzwungen

„Alle wollen ein Stück weiterkommen“: Bei ihrer Ankunft in Brüssel, gut zehn Stunden vor der Abschlusspressekonferenz, operierte Kanzlerin Merkel noch im Erwartungsdämpfungsmodus Bild: dapd

Morgens um vier kam die Erfolgsmeldung. Die Verhandlungen mit den Banken hatte die Kanzlerin am Ende selbst geführt. Cameron und andere „Chefs“ aus Nicht-Euro-Ländern waren da lang weg - sie waren nur Vorgruppe.

          Die Welt hat auf unsere Beratungen geschaut, das war uns sehr bewusst“, gestand die Bundeskanzlerin am Donnerstagmorgen um vier Uhr, als der Gipfel endlich vorüber war. Sie sah nicht mehr ganz frisch aus, so wie eigentlich jeder, der um diese Uhrzeit noch am Tagungsort im Justus-Lipsius-Gebäude der EU ausharrte. Aber zufrieden wirkte Angela Merkel schon: Eine große Kraftanstrengung sei das gewesen, sagte sie vor der Presse. Vor ein paar Tagen wäre es noch alles andere als selbstverständlich gewesen, solche Beschlüsse zu fassen wie in dieser Nacht. „Wir haben gezeigt, dass wir die richtigen Schlüsse gezogen haben“, lobte Frau Merkel sich selbst und die anderen Staats- und Regierungschefs.

          Nikolas Busse

          Verantwortlicher Redakteur für die Frankfurter Allgemeine Woche und stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik (F.A.Z.).

          Einen Saal weiter hielt sich der französische Staatspräsident Sarkozy an seinem Rednerpult fest. Auch er dachte an die weite Welt, als er das Volumen, das nun durch die Hebelung des Hilfsfonds EFSF erreicht werden soll, lieber gleich in Dollar angab als in Euro: 1,4 Billionen seien das, stellte er fest. Dollar?, fragten die französischen Journalisten ungläubig. Ja, das sei doch eine Information für die internationalen Märkte, belehrte sie der Präsident. „Ich kann Ihnen das auch in Euro geben, wenn Sie das wünschen. Wenn Sie das umrechnen, kommen Sie auf etwa eine Billion.“

          Euro-Gruppenchef Juncker, Präsident Sarkozy und Kanzlerin Merkel: „Wir haben gezeigt, dass wir die richtigen Schlüsse gezogen haben“

          Das Ende der Euro-Krise wollte nach diesem langen Gipfel, der am Abend zuvor um 18 Uhr begonnen hatte, niemand ausrufen. Der Weg aus dem Schuldensumpf sei ein Marathonlauf, kein Sprint, stellte Kommissionspräsident Barroso fest, ohne mitzuteilen, wie viele Kilometer die EU noch vor sich hat. Auch die Kanzlerin wies wieder einmal darauf hin, dass die Sache nun nicht mit einem großen Paukenschlag vorüber sei. Aber alles in allem wirkten die Gesichter diesmal doch entspannter als nach den vielen anderen Krisentreffen, die in den vergangenen eineinhalb Jahren in Brüssel stattgefunden haben.

          Das galt vor allem für den griechischen Ministerpräsidenten Papandreou, der über Nacht immerhin um die Hälfte der Staatsschulden bei Privatinvestoren erleichtert wurde. „Für Griechenland ist ein neuer Tag angebrochen“, sprach er in die Kameras. Das Schlimmste sei überstanden, nun könne das Land ein Kapitel abschließen und sich der Zukunft zuwenden. Papandreou dankte seinem Volk für die Opferbereitschaft und sprach von der „patriotischen Pflicht“ aller Griechen, nun alles zu tun, um die europäische und internationale Aufsicht so schnell wie möglich loszuwerden. Eine politisch bittere Pille enthält der neue Brüsseler Ablass nämlich: Die ungeliebte Troika, die zuletzt vor allem mit Streiks in Athen begrüßt wurde, wird künftig ständig im Land präsent sein und darüber wachen, dass die Griechen ihr Land auch wirklich reformieren.

          Auf dem Gipfel: Der italienische Ministerpräsident Berlusconi und sein griechischer Amtskollege Papandreou im Gespräch mit der dänischen Regierungschefin Helle Thorning-Schmidt

          Um die Banken zu einem Schuldenschnitt zu bewegen, der wesentlich größer ist als die zuletzt am 21. Juli vereinbarte Umschuldung, war in der Sitzungsnacht viel Aufzugfahren nötig. Immer wieder pendelten die Verhandlungsführer zwischen den Stockwerken im Ratsgebäude. Erst kam der seit dem Spontantreffen in der vorigen Woche so genannte Frankfurter Kreis zusammen (Frau Merkel, Sarkozy, Barroso, Ratspräsident Van Rompuy, EZB-Präsident Trichet und IWF-Chefin Lagarde), dann die Staats- und Regierungschefs des Euro-Raums, dann wieder der „Frankfurter Kreis“ - und die ganze Zeit über liefen Verhandlungen mit dem Internationalen Bankenverband. Dessen Vertreter mussten sich bei ihren Mitgliedern Prokura geben lassen. All das kostete viel Zeit.

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