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EU und der Brexit : Es fehlt die Liebe zu Europa

  • -Aktualisiert am

EU küsst Großbritannien: In Europa fehlt es an Liebe zur EU. Bild: Reuters

Die EU ist für die meisten Bürger nur ein unverständliches Gebilde. Das liegt auch an den Politikern, die es nicht fertig bringen, das Friedensprojekt in warmen Worten zu preisen. Ein Gastbeitrag.

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          Selbst in der kritischsten Stunde der Europäischen Union warten die Deutschen vergeblich auf das große europäische Bekenntnis eines ihrer Spitzenpolitiker. Es könnte eine politische Liebeserklärung sein. Ein philosophisches Dankeschön. Es könnte pathetisch sein. Leidenschaftlich ohnehin. Alles. Es sollte sich nur nicht aus diesen verschraubten technokratischen Beamtensätzen zusammensetzen. Aus neuen Versprechen, die Märkte beruhigen, Bürger besänftigen und alles irgendwie am Laufen halten sollen, und die sich gleichzeitig auf subtile Weise von Europa distanzieren, auch wenn irgendwo im Satz die „europäische Wertegemeinschaft“ auftaucht.

          Die Autorin lebt in San Francisco und Berlin.
          Die Autorin lebt in San Francisco und Berlin. : Bild: Privat

          Statt Sinn und Zustand der EU grundsätzlich einzuordnen, statt ihr Fleisch und Seele einzuhauchen, gelobt man den Wählern, von denen es sich viele in ihrer Konsumentenrolle eingerichtet haben, in Zukunft alles besser zu machen. Und fängt bei Ceta an. Plötzlich dürfen nun auch die nationalen Parlamente über das Freihandelsabkommen mit Kanada abstimmen, nachdem EU-Juristen davor Brüssel als allein zuständig erklärt haben. Mal abgesehen von der Frage, wer nach europäischem Recht tatsächlich die Verantwortung trägt – wahrscheinlich findet man Argumente für beide Seiten – was soll der Bürger davon halten? Wie kann er eine Institution respektieren, die machtlos zu sein scheint? Und deren Parlament, das dem Abkommen ja ohnehin zustimmen muss, scheinbar als so korrupt angesehen wird, dass man ihm den Schutz der Verbraucher nicht allein anvertrauen möchte. Was nebenbei ziemlich komisch ist. Wahrscheinlich hat niemand das Verbraucherinteresse der europäischen Bürger in den vergangenen Jahrzehnten so vehement vertreten wie die Grünen und Sozialdemokraten in Europa.

          Aber das wissen die Bürger im Zweifelsfall nicht, und man erklärt es ihnen auch nicht. Stattdessen präsentiert sich ihre Regierung als Retterin vor dem alles verschlingenden Europa. Das macht traurig. Und es macht Angst. Denn die Gefahr, dass alles auseinanderbricht, ist real. Am Morgen nach dem britischen Referendum konnten wir zum ersten Mal spüren, dass nichts bleiben muss, wie es ist. Mir sind bei der Nachricht die Tränen in die Augen geschossen. Meine Generation hat der Idee eines geeinten Europa nicht nur ein Leben ohne Krieg zu verdanken. Für manche von uns wurde sie zur Heimat. Sie bot ein geistiges Zuhause, in dem wir uns auseinandersetzen konnten damit, dass wir in eine Nation hineingeboren worden waren, die unsägliches Leid über andere Menschen und Länder gebracht hatte. Und die Jahrzehnte brauchte, um sich dieser Schuld zu stellen.

          Erst in Europa kann man Deutscher sein

          Als Willy Brandt 1970 in Warschauer auf die Knie fiel, nannten ihn Leute in unserer Kleinstadt „Herbert Frahm, den Vaterlandsverräter“. Schon eine Zwölfjährige spürt, dass hier etwas Richtiges passiert, und dass nicht dieser Mann, sondern die Welt um sie herum falsch war, besonders, wenn sie längst begonnen hatte, selbst Fragen zu stellen. Wie sollte ich mit diesen Menschen etwas gemein haben wollen? Wie konnte ich es mit ihnen aushalten? Und wie konnten die es mit sich selbst aushalten? Und war ich nicht selbst auch typisch deutsch? Grundsätzlich? Rechthaberisch? Verbissen gründlich?

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          Erst als ich Jahre später in der Generaldirektion des Europäischen Parlaments mit Franzosen zusammenarbeitete, mit Engländern, Griechen und Italienern, die mich aufzogen wegen meiner Eigenheiten, konnte ich mich mit diesen Macken anfreunden. Schließlich erfüllten sie Klischees ebenso zuverlässig wie ich. Die Engländerin verspeiste jeden Mittag, ohne mit der Wimper zu zucken, ein blutiges Steak und vertrug schier unglaubliche Mengen an Bier. Unsere Französin im Bunde rauchte wie ein Schlot und trank dazu Espresso, den Griechen interessierte die Umwelt nullkommanull, und die Italienerin kreierte sich ihre eigenen, zeitlich oft begrenzten, Arbeitszeiten. Hier, als Europäerin, konnte ich zum ersten Mal unbefangen auch Deutsche sein.

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