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EU-Kommission : Europa nicht auf Vogelgrippe vorbereitet

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Hühnerblut-Probe: Auf der Suche nach dem Vogelgrippe-Virus Bild: dpa/dpaweb

Angesichts des ersten Vogelgrippe-Verdachtsfalles in Griechenland herrscht Nervosität in der EU. Die Europäische Kommission fühlt sich auf eine Epidemie nicht vorbereitet. Unterdessen üben deutsche Amtstierärzte den Ernstfall.

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          Die EU-Mitgliedsstaaten sind nach Ansicht der Europäischen Kommission nicht auf einen Ausbruch der sogenannten Vogelgrippe in Europa vorbereitet. „Wir sind nicht dort, wo wir sein sollten“, sagte der zuständige EU-Kommissar Markos Kyprianou am Dienstag in Luxemburg. Viele Länder hätten bisher nicht die nötigen Medikamente für die anti-virale Behandlung des Virus zur Verfügung gestellt. Außerdem fehlten Kapazitäten und Gelder für die zügige Herstellung eines Impfserums, falls das Virus mutiere und auch von Mensch zu Mensch übertragen werden könne. Die Industrie müsse mehr Geld in die Forschung investieren, sagte der Kommissar. Präventiv gegen Grippe impfen lassen sollten sich nur Risikogruppen wie alte Menschen oder solche mit schwachem Immunsystem.

          Die Außenminister der EU-Staaten äußerten sich am Rande eines Sondertreffens zu der Welthandelsrunde besorgt über die Ausbreitung der Vogelgrippe in Europa. Die Vogelgrippe stelle eine Bedrohung für die gesamte Welt dar, heißt es in einer Erklärung des Ministerrats. Deshalb sei es nötig, die Reaktion möglichst international zu koordinieren. Brüssel könne dabei als Koordinator eine besondere Rolle spielen, auch wenn im Kern die Mitgliedsstaaten in Europa für die Gesundheit der Menschen verantwortlich seien, sagte der britische Außenminister Jack Straw. Man werde die kommenden Sitzungen des EU-Ministerrats nutzen, um über weitere Schritte gegen die Ausbreitung der Vogelgrippe zu reden.

          Bauernverband: Geflügel in die Ställe sperren

          Der Deutsche Bauernverband und der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft haben nach dem neuesten Verdachtsfall in Griechenland abermals gefordert, Geflügel in Deutschland in Ställe zu sperren. Das sei die umfassendste Vorsichtsmaßnahme gegen ein Einschleppen des Virus in Deutschland, erklärte der Bauernverband in Berlin. In der Bundesrepublik gibt es rund 100.000 Geflügelbetriebe. In ihnen werden 48 Millionen Legehennen, 52 Millionen Hähnchen, zehn Millionen Puten und 2,6 Millionen Enten gehalten. In den Vollerwerbsbetrieben würden schon „rigorose Hygienekonzepte“ angewandt, teilte der Bauernverband mit. Dazu gehöre, daß die Kleider gewechselt und die Schuhe desinfiziert werden. Größere Betriebe begönnen bereits mit dem Bau von Hygieneschleusen für ihre Fahrzeuge. Betriebe, die keine Möglichkeit haben, die Tiere in einen Stall zu sperren, könnten mit Hilfe von Netzen den Kontakt mit vom Virus infizierten Wildgeflügel vermeiden, sagte ein Sprecher des Bauernverbands.

          In Bonn berieten Fachleute von Bund und Ländern am Dienstag über diese Stallpflicht. In Bayern gilt sie von diesem Mittwoch an, und der Freistaat fordert eine bundesweite Ausdehnung. Andere Länder wollten die Stallpflicht dagegen auf die Gebiete beschränken, in denen das Risiko besonders hoch ist, weil Zugvögel dort Rast machen. Deutsche Amtstierärzte trainieren von diesem Mittwoch an den Ernstfall und bereiten sich für den Fall vor, daß die Vogelgrippe auch nach Deutschland eingeschleppt wird. Etwa 30 Ärzte aus dem gesamten Bundesgebiet sollen dabei bis zum Freitag am Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe im nordrhein-westfälischen Ahrweiler ein Krisenszenario mit Bekämpfungsstrategien für die Vogelgrippe erarbeiten, teilte das Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems mit.

          Tierschützer: Gepäckkontrollen unzureichend

          Ziel der Notfallübung sei es, optimale Konzepte für die Bekämpfung der Vogelgrippe in den Regionen zu entwickeln. Dabei werde ein Vogelgrippe-Ausbruch simuliert. Die Teilnehmer müssen dafür den Personaleinsatz, Laborkapazitäten, Logistik und Bekämpfungsmaßnahmen planen. Zur Übung des Friedrich-Loeffler-Instituts für Tiergesundheit und des Bundesverbraucherministeriums würden zudem Experten aus den Niederlanden und Belgien erwartet, hieß es. Notfallübungen finden einmal im Jahr statt. 2004 stand die Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche auf dem Programm.

          Tierschützer kritisierten unterdessen die Gepäckkontrollen gegen Vogelgrippe auf den deutschen Flughäfen als unzureichend. Statt nur Stichproben vorzunehmen, müßten sämtliche Gepäckstücke von Reisenden aus den betroffenen Regionen wie der Türkei überprüft werden, forderte der Verein Europäische Tier- und Naturschutz in Bonn.

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