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EU-Hilfen für Zypern? : Zyprischer Ramsch-Kreislauf

Spricht fließend Russisch: Zyperns Präsident Dimitris Christofias Bild: REUTERS

Die zyprische Regierung wollte ihrem Land Einschnitte wie in Griechenland ersparen und lieh sich Geld von Russland. Bald könnte es sein, dass das Land trotzdem unter den EU-Rettungsschirm schlüpfen muss.

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          In der zweiten Hälfte dieses Jahres könnte die Europäische Union eine denkwürdige Premiere erleben. Dann wird ein Mitgliedstaat die Ratspräsidentschaft innehaben, der bis dahin längst am finanziellen Tropf seiner europäischen Partner hängen könnte, weil ihm andernfalls der Staatsbankrott drohte. Am 1. Juli wird erstmals nach Ungarn, Polen und Dänemark wieder ein Staat der Eurozone die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen: das im Strudel der griechischen Krise selbst in eine gefährliche Schieflage geratene Zypern. Sollte Griechenland die Eurozone verlassen müssen, wäre der Inselstaat am nächsten Tag bankrott. Doch selbst ohne „Grexit“ sind die Schwierigkeiten groß.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Die zyprischen Banken haben nicht nur stark in griechische Staatsanleihen investiert, sondern auch ein gewaltiges Kreditvolumen in Griechenland angehäuft. Zyprische Institute, allen voran die Cyprus Popular Bank und die Bank of Cyprus, haben in Griechenland Kredite für bis zu 23 Milliarden Euro ausstehen. Zum Vergleich: Das gesamte Bruttoinlandsprodukt Zyperns betrug 2011 laut offiziellen Angaben 17,8 Milliarden Euro. Sollte Griechenland aus der Eurozone ausscheiden müssen, könnten viele Griechen vermutlich ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen. Das wäre für Zyperns Banken und damit für die gesamte Wirtschaft des Landes eine Katastrophe. Zudem gilt die Haushaltspolitik Nikosias als unsolide. Im vergangenen Jahr betrug das Haushaltsdefizit 6,3 Prozent, eine entschlossene Sparpolitik blieb dennoch aus. Zypern hat schon seit April 2011 keinen Zugang mehr zu den Kapitalmärkten.

          Seit 2011 auf Hilfe angewiesen

          Andreas Mavroyannis, als Europaminister von Staatspräsident Dimitris Christofias mit der Vorbereitung der Ratspräsidentschaft beauftragt, redet das nicht schön: „Es ist nicht einfach, die Präsidentschaft innezuhaben, wenn zugleich die EU-Kommission die Mängel des eigenen Systems hervorhebt.“ Sein Land werde aber „das Äußerste versuchen“, damit die Entwicklungen nicht die zyprische Präsidentschaft überschatten. Auf die Frage, ob Zypern nicht dennoch bald um Notkredite seiner Partner bitten müsse, antwortet Mavroyannis entwaffnend offen: „Ausschließen kann ich nichts. Die Lage ist sehr fragil und unvorhersehbar.“

          Der Minister hütet sich zwar, den Griechen Empfehlungen für deren Parlamentswahl am 17. Juni zu geben, warnt aber dennoch vor der falschen Entscheidung: „Die Griechen müssen sich verantwortungsvoll verhalten.“ Ob damit die Befürchtung gemeint ist, sie könnten mehrheitlich für den Linkspopulisten Alexis Tsipras stimmen, der die Vereinbarungen Athens mit den Geldgebern Griechenlands kündigen will, ist dem erfahrenen Diplomaten nicht zu entlocken. Doch auch so wird Mavroyannis deutlich genug: „Wenn Griechenland den Euro verlässt, wenn es untergeht, wird Zypern nicht ohne äußere Hilfe überleben können.“

          Tatsächlich ist Zypern schon seit 2011 auf Hilfe angewiesen. Wäre Russland nicht eingesprungen, hätte die Regierung sich schon im vergangenen Jahr unter den europäischen Rettungsschirm flüchten müssen. Im Dezember 2011 überwies Moskau dann jedoch die erste Tranche eines gleichsam in letzter Minute vereinbarten Kredits über 2,5 Milliarden Euro zu einem Zinssatz von 4,5 Prozent. Zu solchen Zinsen hatte sich Nikosia auf den Märkten schon lange kein Geld mehr leihen können, da der Schatten der griechischen Krise drohend über den zyprischen Banken liegt.

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