https://www.faz.net/-gpf-pk62

EU-Beitritt der Türkei : Stille Seufzer

Die ersehnte Anerkennung durch Europa ist gekommen. Bild: AP

Ohne hupende Autokorsos, ohne Feuerwerke und ohne Freudenschreie hat die Türkei die Entscheidung der Europäischen Kommission aufgenommen. Eher sind stille Seufzer zu hören und ein tiefes Durchatmen.

          5 Min.

          Seit Monaten steht die Türkei im Bann der EU, und der Blick nach Brüssel hat alles andere an den Rand gedrängt. Alle wichtigen Fernsehkanäle schalten daher um 13 Uhr nach Brüssel, wo die Kameras auf den Kommissionspräsidenten Prodi gerichtet sind. Als Prodi seine erlösende Botschaft verkündet, erfaßt aber kein Freudenschrei das Land. Kein hupender Autokorso blockiert den zentralen Taksim-Platz, und über dem Bosporus, der Europa mit Asien verbindet, gehen keine Feuerwerke nieder.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Eher sind stille Seufzer zu hören und ein tiefes Durchatmen, es endlich doch geschafft zu haben. Es scheint, als hätten die Türken an diesem großen Tag alle mediterrane Emotionalität abgelegt. Kühl wie die Finanzmärkte haben sie reagiert, und die hatten schon vor Monaten die Entscheidung der Europäischen Kommission in den Preisen vorweggenommen.

          Ritterschlag für die türkische Seele

          Der türkische Nachrichtensender ntv stellt den von keinem als historisch beanspruchten Tag unter das Motto: „Die Türkei auf dem Weg nach Europa“, und Justizminister Cicek spricht davon, eine Kurve genommen zu haben. Der Weg ist also nicht zu Ende. Das erinnert ein wenig an die Geschichte von der lahmen Ente, die der türkische Unternehmer und Kämpfer für die EU, Ishak Alaton, so gerne erzählt. Die Geschichte spielt im Mittelalter, in Bagdad. Dort habe die Ente verkündet, nach Mekka aufzubrechen. Mitleidig hätten ihre Freunde auf sie heruntergeblickt, schmunzelt Alaton. Denn sie würde ja doch nie ankommen und unterwegs wohl sterben. „Frohen Herzens aber habe sie ihnen erwidert: Hauptsache auf dem Weg nach Mekka.“

          An diesem 6. Oktober 2004 um 13 Uhr hat die Türkei aber eine wichtige Etappe hinter sich gebracht. Ob ergebnisoffen verhandelt wird oder nicht, das interessiert in diesem Augenblick die wenigsten. Denn das Ziel ist nähergerückt, und die ersehnte Anerkennung durch Europa ist gekommen. Empfunden wird sie als eine Art kleiner Ritterschlag für die türkische Seele. Da tut ihr nach den vergangenen Wochen, in denen so viel verständnisloses Seufzen zu hören war, gut.

          Aus dem Tritt geraten

          Denn immer wieder hatten sich die Türken die Augen gerieben wegen jener - wie sie es empfanden - Tricks, die sich die Europäer noch einfallen lassen wollten, um das gegebene Wort, nach der Erfüllung der Kopenhagener Kriterien Beitrittsverhandlungen aufzunehmen, doch nicht einhalten zu müssen. Hatte aber der deutsche Bundeskanzler Schröder im Februar in Istanbul den Türken nicht noch versichert: „Draufgesattelt werden kann nicht“? Mit souveräner Gelassenheit nahm daher Cicek die am Mittag verkündeten neuen Bedingungen und Hürden an. Gewünscht habe er sie sich nicht. Aber wenn im nächsten Jahr die Beitrittsverhandlungen beginnen könnten, so sei's drum.

          Fassungslos haben die Türken in den vergangenen Wochen auch ihre Regierung verfolgt. Die hatte in den fast zwei Jahren seit ihrem Amtsantritt zunächst couragiert alle Vorgaben der EU aus den Kopenhagener Kriterien angepackt und abgearbeitet. So war nun die ganze Nation auf den 6. Oktober eingestellt. Dann aber war die Regierung im Spätsommer aus dem Tritt geraten. In den letzten Minuten des Spiels schien sie den souverän herausgespielten Vorsprung zu verspielen.

          Türken haben ein langes Gedächtnis

          Dabei stand und steht für die Türken viel auf dem Spiel. Auf ihrem Weg nach Europa geht es ihnen in erster Linie um die Anerkennung ihrer „europäischen Identität“. In der alten EU mögen viele den Türken diese Identität absprechen. Wer aber durch die Türkei reist und den Leuten die Frage stellt, als was sie sich fühlten, der wird von Edirne in Thrazien bis nach Erzurum im Osten Anatoliens die - von einem Hauch Unverständnis begleitete - Antwort bekommen: „Als Europäer! Als was denn sonst?“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Märsche für die Freiheit“ : Barcelona im Ausnahmezustand

          Die Proteste gegen das Urteil im Separatistenprozess legen die Stadt und weite Teile Kataloniens lahm. Die „Sagrada familia“ wurde geschlossen, dutzende Flüge abgesagt – und eines der wichtigsten Fußballspiele Spaniens verschoben.
          Juan Moreno, hier bei der Vorstellung seines Buchs „Tausend Zeilen Lüge“ Ende September in Berlin.

          Juan Moreno beim „Spiegel“ : Was für eine großartige Geschichte!

          Der Reporter Juan Moreno hat den Relotius-Skandal beim „Spiegel“ aufgedeckt. Davon handelt sein Buch „Tausend Zeilen Lüge“. Auf der Buchmesse spricht er auch am „Spiegel“-Stand. Wie er dort befragt wird, ist ziemlich bizarr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.