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Wahlkampf in Großbritannien : Kein klarer Sieger nach Fernsehduell

Schlagabtausch auf britisch: Ed Miliband (Labour), Leanne Wood (Plaid Cymru), Nicola Sturgeon (Schottische Nationalpartei) und Premier David Cameron (Konservative). Bild: Reuters

Lange hatte sich David Cameron vor einem Fernsehduell mit seinen Herausforderern gedrückt. Nun trat er doch noch mit mehreren Mitbewerbern um das Amt des britischen Premiers vor die Kameras. Einen Punktsieg trug jedoch eine Außenseiterin davon.

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          Die erste und einzige Fernsehdebatte, in der die beiden Kandidaten um das britische Premierministeramt direkt aufeinandertrafen, kennt keinen eindeutigen Sieger. Fünf Wochen vor der Wahl am 7. Mai haben weder der konservative Premierminister David Cameron noch sein Herausforderer, der Labour-Spitzenkandidat Ed Milliband, die Mehrheit des Publikums für sich einnehmen können. Sämtliche Meinungsumfragen sind sich uneins über den Ausgang des mitunter gereizten Schlagabtausches, in dem erstmals die Führer von sieben Parteien gegeneinander antraten. Vertreter der Konservativen, Labour, Liberaldemokraten, der rechtspopulistischen United Kingdom Independence Party (Ukip), der Grünen, sowie der schottischen und der walisischen Nationalpartei stellten sich jeweils vier Fragen des Publikums über die Staatsfinanzen, den Gesundheitsdienst, die Einwanderungspolitik und die Zukunftsaussichten für junge Menschen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Die zweistündige Sendung des kommerziellen Netzwerks ITV war eine Premiere in der britischen Fernsehlandschaft. Ein Studiopublikum von 200 Personen wurde nach Geschlecht, Alter, ethnischer und gesellschaftlicher Herkunft sowie nach politischer Orientierung ausgewählt. Die in langen und zähen Verhandlungen abgestimmte Veranstaltung zeigte vor allem, wie viel fragmentierter die politische Landschaft des Vereinigten Königreiches geworden ist seit dem letzten Wahlkampf vor fünf Jahren, so dass weitgehend mit einem Parlament ohne klare Mehrheitsverhältnisse gerechnet wird.

          Das unklare Ergebnis der Debatte wird jedoch als Bestätigung für David Camerons Strategie gewertet, eine direkte Konfrontation mit dem Oppositionsführer Milliband und dem telegenen Ukip-Spitzenkandidaten Nigel Farage zu vermeiden, der mit seiner Kritik an der Europäischen Union eine starke Bedrohung für die Konservativen darstellt. Weil sich Cameron geweigert hatte, ein Fernsehduell mit Milliband zu bestreiten, war es überhaupt zu diesem seltsamen Format der Debatte gekommen, an dem zwei Parteien teilnahmen – die schottischen und walisischen Nationalisten –, die sich nicht einmal landesweit zur Wahl stellen.

          Punktsieg für die Frauen

          Allerdings wertete eine Umfrage Nicola Sturgeon als Siegerin des Wortgefechts. Sie ist die Erste Ministerin Schottlands und Spitzenkandidatin der Schottischen National Partei (SNP), die als drittstärkste Fraktion und mögliche Labour-Koalitionspartnerin aus der Wahl hervorgehen könnte. In den nachträglichen Analysen wurde das Fernsehereignis nicht nur als Erfolg für die kleineren Parteien erachtet, die hier wie noch nie zur Geltung kamen, sondern auch für die Frauen. Die Grünen, die SNP und die walisische Plaid Cymru werden von Frauen geführt, und die Debatte wurde von der wie eine strenge Schuldirektorin waltenden ITV Moderatorin Julie Etchingham geleitet.

          Während Milliband immer wieder direkt an die „Zuschauer zuhause“ appellierte, setzte Cameron auf staatsmännische Souveränität und versuchte sich trotz der Kritik an seiner Sparpolitik nicht ins Getümmel hineinziehen zu lassen. Ihm kam freilich auch zugute, dass die linksgerichteten Spitzenkandidatinnen aus Schottland und Wales gegen die sozialdemokratische Labour Party punkten wollten, die in ihren Regionen ihr Hauptkonkurrent ist. Camerons ständige Ermahnung, nicht zurückzukehren zu den Zeiten der hohen Steuern, der Verschwendung und der Verschuldung unter einer Labour-Regierung, trug ihm von Milliband den Vorwurf ein, auf der Vergangenheit zu beharren, weil er nichts für die Zukunft zu bieten habe.

          Besonders heftig geriet Cameron durch seinem bisherigen liberaldemokratischen Koalitionspartner Nick Clegg unter Beschuss, der sich mit scharfer Kritik an den „ideologisch gesteuerten Kürzungen“ der Konservativen von seinem Regierungspartner zu distanzieren suchte. Clegg stellte die Konservativen als Partei der Steuerschlupflöcher ausbeutenden Hedge-Fondsmanager dar und verlangte, dass die Reichen künftig zur Kasse gebeten würden. Clegg setzte seinerseits allerdings auch Milliband unter Druck mit der Forderung, dass er sich für die Finanzkrise entschuldigen möge, welche die letzte Labour-Regierung mitzuverantworten habe.

          Das Publikum kam bei alledem selten aus der Reserve. Einer der wenigen spontanen Beifälle galt einer strengen Rüge der Plaid-Cymru-Spitzenkandidatin Leanne Wood an Nigel Farage. Er hatte über die angebliche Ausbeutung des Gesundheitswesens durch HIV-infizierte Ausländer schwadroniert.

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