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Ein Jahr nach dem Massaker von Utøya : Norwegen trauert und wartet

Bild: AP

Heute vor einem Jahr verübte Anders Behring Breivik die Attentate von Oslo und Utøya - und veränderte Norwegen für immer. Die Folgen der unfassbaren Tat werden noch lange zu spüren sein - auch nachdem Ende August das Urteil gegen Breivik ergangen sein wird.

          An jedem einzelnen der 150 Säcke, die in einer Halle des städtischen Bauhofs im Süden Oslos lagern, hängt ein Zettel. „Gute Gedanken leben ewig“ steht darauf. „Dies ist Erde aus den Rosen, die nach dem 22. Juli niedergelegt wurden.“ Der Kompost wird für die Gestaltung eines der beiden Mahnmale aufbewahrt, die künftig in Oslo und in der Nähe der Insel Utøya an das schlimmste Verbrechen der jüngeren Geschichte Norwegens erinnern sollen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch am Sonntag, wenn sich der Bombenanschlag im Zentrum der norwegischen Hauptstadt und das Massaker im Zeltlager der Jungsozialisten erstmals jähren, werden die Norweger wieder Rosen kaufen. Sie werden sie am Vormittag zu dem Gedenkgottesdienst im Dom von Oslo mitbringen, vor dessen Portal im vergangenen Sommer ein Meer von Blumen lag. Und sie werden am Abend zu einem Gratiskonzert mit dem Rundfunkorchester und den bekanntesten Popsängern des Landes auf dem Rathausplatz ziehen, wo sich drei Tage nach dem Doppelattentat mehr als 100.000 Menschen zu einer Kundgebung versammelten. „Heute sind die Straßen voller Liebe“, sagte Kronprinz Haakon damals. „Wir haben uns entschieden, auf den Hass mit Zusammenhalt zu antworten.“

          Postkarten, Zeichnungen, Kuscheltiere

          So große Worte sind ein Jahr später nicht zu erwarten. Bewusst schlicht sollen die Gedenkfeierlichkeiten ausfallen. Die Trauer um die 77 Opfer der Anschläge ist zu einer stillen Angelegenheit geworden. Jens Stoltenberg, der Ministerpräsident, wird am Sonntag einen Kranz niederlegen; für die Hinterbliebenen wird ein Besuch auf der Insel organisiert, die im Alltag längst wieder jedermann offensteht. Eine Auswahl der vom norwegischen Staatsarchiv im vergangenen Sommer gesammelten Beileidsbekundungen - Postkarten, Zeichnungen, Kuscheltiere - ist inzwischen auf dessen Internetseite zu sehen.

          Den Attentäter Anders Behring Breivik, dem das Amtsgericht in Oslo im Frühjahr den Prozess gemacht hat, würden die meisten Norweger gerne vergessen, und das öffentliche Interesse an dem Prozess war geringer als erwartet; die Internetseite der Tageszeitung „Dagbladet“ etwa verzeichnete nur in der ersten Prozesswoche deutlich überdurchschnittliche Nutzerzahlen.

          Geheimdienst in der Kritik

          Doch weder in der norwegischen Politik noch im Straßenbild von Oslo sind die Folgen des brutalen Anschlags zu übersehen, den der geständige Täter unverändert als Notwehrhandlung gegen die seiner Ansicht nach bevorstehende Islamisierung Norwegens darstellt, ebenso wie das Massaker auf Utøya. Mehr als 4000 Tonnen Bauschutt sind aus dem Regierungsviertel abtransportiert worden, in dem die von Breivik aus Kunstdünger hergestellte Autobombe detonierte. Sechs Ministerien mit rund 2000 Beschäftigten und das Büro des Ministerpräsidenten sind seither in Provisorien untergebracht. Im August sollen die letzten Straßensperren abgebaut werden; ob die am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude instand gesetzt oder abgerissen werden, ist noch nicht entschieden. Die Baukosten schätzen Fachleute auf bis zu zehn Milliarden Kronen, umgerechnet 1,3 Milliarden Euro. 1,5 Milliarden Kronen wurden für Aufräumarbeiten, zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen und Mieten ausgegeben.

          Während das Königshaus und der Ministerpräsident für ihre besonnene und zugleich einfühlsame Reaktion auf die Anschläge weithin gelobt wurden, richtete sich die Kritik der Öffentlichkeit rasch gegen die Sicherheitsbehörden. Dem Geheimdienst wurde vorgeworfen, die Gefahr durch rechtsextreme Einzeltäter unterschätzt und Hinweise auf die Vorbereitung des Anschlags übergangen zu haben.

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