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EU-Personalentscheidungen : Ein feines Gehör für Panzerketten

Donald Tusk und Federica Mogherini nach ihrer Ernennung in Brüssel: gemeinsamer Blickwinkel für die EU Bild: AP

Die Geschehnisse in der Ukraine erinnern Donald Tusk daran, was in Polen seiner Jugend geschah. Das treibt ihn nach Brüssel. In Polen hinterlässt er keinen passenden Nachfolger.

          Manches von dem, was zuletzt in der Ukraine geschehen ist, dürfte Donald Tusk, der jetzt an die Spitze des Europäischen Rates tritt, an die Bilder seiner Kindheit erinnert haben: Ein Land – damals Polen, heute die Ukraine – versucht, sich frei zu ringen aus russischer Umklammerung; Demonstranten ziehen über Plätze, Schüsse fallen, Menschen liegen im Blut. Schließlich rollen Panzer. Tusk hat das gesehen, als er dreizehn war, im Dezember 1970: Er war ein Danziger Arbeiterjunge auf dem Schulweg, als plötzlich alles rannte; Tränengas zog die Kehle zusammen, Salven ratterten.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Tusk hat später geschrieben, dass diese Szenerie, der blutig niedergeschlagene Aufstand der Danziger Arbeiter gegen Moskaus Vollstrecker im besetzten Polen, für ihn und seine Freunde zum politischen „Gründungsmythos“ geworden sei. Als zehn Jahre später, 1980, dann die Solidarnosc unter Lech Walesa abermals auf die Straßen ging, war Tusk schon selbst mit dabei, in der Redaktion einer Untergrundzeitung, auf Protestmärschen, mehr als einmal wohl auch in Prügeleien mit der Polizei, die vielleicht nicht viel anders aussahen, als manches, was vergangenen Winter in Kiew geschehen ist.

          Wer wird der Nächste sein?

          Vielleicht muss man zu diesen Bildern zurückgehen, wenn man verstehen will, warum Tusk, der vermutlich erfolgreichste Politiker Ostmitteleuropas seit der Wende von 1989, der Mann, der es als erster polnischer Ministerpräsident schaffte, wiedergewählt zu werden, und der sein Land ohne Rezession durch die Finanzkrise geführt hat, jetzt, ein Jahr vor dem Ende seiner Amtszeit, sein Regierungsamt aufgibt und nach Brüssel geht.

          Eigentlich hatte er bis zuletzt beharrlich signalisiert, dass er trotz aller europäischen Angebote ablehnen werde. Zuhause hatten die Umfragewerte seiner Partei zuletzt deutlich nachgelassen, jeder sagte, nur er selbst, der es als Wahlkämpfer immer wieder geschafft hat, durch persönlichen Einsatz auf der Schlussgerade zu siegen, könne für seine liberalkonservative „Bürgerplattform“ noch den Sieg bei der Parlamentswahl im kommenden Jahr erkämpfen.

          Dass er jetzt doch Europa gewählt hat, hängt mit diesen Bildern zusammen – den Bildern aus der Ukraine, die denen seiner Kindheit gleichen. Sein Land hat in den 219 Jahren seit seiner Aufteilung zwischen Österreich, Preußen und Russland im Jahr 1795 immerhin 173 Jahre lang ganz oder teilweise unter russischer Fremdherrschaft gestanden, und die Polen haben dementsprechend ein feines Gehör für Panzerketten. Jede russische Aggression gegen einen Nachbarn im Osten ruft bei ihnen die Frage wach: Wer wird der Nächste sein?

          Ein gemeinsamer Blick auf die Ukraine-Krise

          Polnische Politiker und Publizisten haben deshalb seit dem Beginn der russischen Interventionen auf der Krim und im Donbass immer besonders laut nach einer entschlossenen Reaktion des Westens gerufen. Erst vor wenigen Tagen hat Präsident Bronislaw Komorowski, ein Verbündeter Tusks, in Anspielung auf die Schwäche des Westens im Angesicht Hitlers vor einer neuen „Appeasement“-Politik gewarnt.

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