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Kampagne #stolzdrauf : Österreichische Zumutungen

Alpenrocker Andreas Gabalier beteiligt sich an der Stolz-Kampagne Bild: dpa

Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz will mit einer „Stolz-Kampagne“ für Integration werben. Mit Hilfe sozialer Medien wie Twitter oder Facebook soll eine Diskussion über Heimat und Heimatgefühl in Österreich ausgelöst werden.

          Am Samstag muss Österreich auf seinen Besten verzichten, zumindest auf dem Fußballplatz, wenn das Nationalteam auf die Mannschaft Russlands trifft. Der Stolz der Nation heißt David Alaba, und das wiederum gilt keineswegs nur dann, wenn es auf dem grünen Rasen um Punkte und Tore geht. Auch abseits des Platzes versteht es der gebürtige Wiener, dessen Vater aus Nigeria und dessen Mutter von den Philippinen stammt, mit Witz und Tiefgang zu brillieren.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent für Österreich und angrenzende Länder mit Sitz in Wien.

          Ein Bilderbuchbeispiel für Integration durch Leistung? Inzwischen kennt jeder den Mann, doch noch als Jugendspieler wurde er von einem Verbandsfunktionär, der sich offenbar einen Schwarzen nicht als Österreicher vorstellen konnte, auf Englisch angeredet. Der österreichische Außenminister Sebastian Kurz, mit Zuständigkeit auch für Integration, hat jetzt eine Kampagne gestartet, mit der er beides verbinden will: Ein Bekenntnis von Eingewanderten (oder deren Kindern) zu Österreich und deren Akzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft. Wer will, kann ein Foto auf dem sozialen Netz „Facebook“ hochladen und dazu erklären, worauf er oder sie als Österreicher stolz ist.

          Was sich aus dem zu Wochenbeginn vorgestellten Schlagwort „#stolzdrauf“ zunächst entwickelt hat, ist allerdings weniger eine große Festbekundung des Gemeinschaftsgefühls als eine ausgesprochen polarisierte Debatte. Besonders auf Twitter wurden alsbald kritische oder sarkastische Kommentare abgegeben. Da war der eine „stolz“ darauf, dass Österreich ein „Nazi-Land“ sei, der andere zitierte Karl Kraus, der bekannt hat, er habe sich „mein Lebtag geschämt, ein Österreicher zu sein“. Theologisch Beschlagene erinnerten an die Todsünde des Stolzes; die Grünen höhnten: „ein stolzer Bauchfleck“; ein dialektisch begabter Zwitscherer formulierte: „Ich bin #stolzdrauf, dass #stolzdrauf binnen wenigen Minuten eine Sarkasmusnummer geworden ist“.

          Unterstützer der ministeriellen Kampagne sind Persönlichkeiten wie Amina Dagi, die als Muslimin den Wettbewerb zur „Miss Austria“ gewonnen hat, oder auch der Musiker Andreas Gabalier, dessen Stil gern als „Volksmusik-Rock“ bezeichnet wird. Jemand wie Dagi soll also Rollenvorbild für die zu Integrierenden sein, während die Beteiligung des Steirers Gabalier auf die „Stammtische, Kantinen und Sportplätze“ der Mehrheitsgesellschaft zielt: Kopftuch und Lederhose sozusagen. Das Konzept ist insofern mutig, als es darauf angelegt ist, Widerspruch aus zwei Richtungen hervorzurufen.

          Links stößt man sich an einem wie Gabalier, der seine Volkstümlichkeit durch das Lob von Dirndl und Lederhose unterstreicht und der gern provokativ eine frauenemanzipatorisch korrekte Ergänzung der Nationalhymne auslässt. Rechts stört die Vorstellung, dass eine Kopftuchträgerin oder ein „Tschusch“ wirkliche Österreicher sein sollen. Sogenannte Identitäre, eine ausländerfeindliche Gruppe, störten daher die Pressekonferenz zur Vorstellung der Aktion.

          Das Ministerium verweist darauf, dass die Stimmung der Beiträge im Internet jenseits von „Twitter“. Auf „Facebook“ habe man binnen 48 Stunden mehr als eine halbe Million Nutzer erreicht, und 20.000 von ihnen hätten sich durch Hochladen eines Fotos tatsächlich an der Kampagne beteiligt. Als Multiplikatoren haben sich beispielsweise der Bundespräsident Heinz Fischer oder die Austrian Airlines zur Verfügung gestellt, aber auch gesellschaftliche Einrichtungen wie die Israelitische Kultusgemeinde oder die Islamische Glaubensgemeinschaft.

          Heimat und Heimatbewusstsein in Österreich

          Was ist das Ziel dieser Kampagne? „Wir wollten eine Diskussion über Heimat und Heimatbewusstsein in Österreich auslösen“, sagt Minister Kurz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er verweist auf Ereignisse dieses Jahres: Demonstrationen für und gegen den Besuch des (damals) türkischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan, Anzeichen für „Konflikte, die teilweise nach Österreich hineingetragen worden sind“.

          Auf der anderen Seite gebe es eine starke Partei wie die FPÖ, „die immer wieder auch versucht, Menschen das Gefühl zu geben, dass sie sich nur hier heimisch fühlen dürfen, wenn sie schon seit Generationen hier leben“. Insofern sei es klar gewesen, dass die Kampagne Diskussionen anregen würde. „Doch es ist das klare Ziel, Zuwanderern zu zeigen, dass es bei all dem, was es an Trennendem gibt, das Verbindende in Österreich da ist. Und sie soll auch die Mehrheitsbevölkerung dafür öffnen, dass es bei allen Herausforderungen sehr, sehr viele Zuwanderer gibt, die einen Beitrag in unserem Land leisten, die froh sind, hier zu leben und die das neue Heimatland Österreich auch schätzen.“Anstoß waren auch zwei Umfragezahlen: 30 Prozent aller Einwanderer (erster oder zweiter Generation) fühlen sich mehr dem Herkunftsland zugehörig als Österreich; wenn das Herkunftsland die Türkei ist, dann sind es sogar 42 Prozent.

          Möglicherweise hat die Reaktion auf die Zumutung, stolz auf Österreich zu sein, auch mit einem immer noch prekären Verhältnis gerade auf der politischen Linken mit der österreichischen Nation zu tun. Es entspringt nicht nur der nationalsozialistischen Vergangenheit, die Österreich für sieben Jahre mit Deutschland verband. Schon in der nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg ausgerufenen Republik waren eher die katholisch-bürgerlichen „Schwarzen“ Träger eines spezifischen Österreich-Bewusstseins.

          Und eine große Mehrheit hätte, wenn die Siegermächte das nicht untersagt hätten, höchstwahrscheinlich für einen Anschluss an das Deutsche Reich optiert – einer der Gründe dafür, dass das dann unter dem Vorzeichen des Einmarsches der Wehrmacht und eines nationalsozialistischen Deutschlands tatsächlich geschah. „Stolz auf Österreich“ fällt vielen Österreichern offensichtlich ähnlich schwer wie es vielen Deutschen schwerfällt, „stolz auf Deutschland“ zu sein – aus ähnlichen wie auch aus spezifischen Gründen. Entsprechend groß ist die Herausforderung an Einwanderer, genau das zu bekunden.

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