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Deutschland in der Euro-Krise : In der Falle

Am Ende des Weges, auf den die „großen Europäer“ Deutschland geführt haben, könnte das Land recht einsam dastehen. Merkel unterzeichnet den Fiskalpakt Bild: dapd

„Wie ihr euch auch entscheidet, ihr werdet es bereuen“: Das ist der neue Wappenspruch der Republik. Welchen Weg auch immer Deutschland in der Euro-Krise einschlägt - es wird schuld sein.

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          Nach europäischen Maßstäben ist Deutschland eine Führungsmacht, und die Deutschen erfahren nun, was das bedeutet. „Wie ihr euch auch entscheidet, ihr werdet es bereuen“ - das ist der neue Wappenspruch der Republik. Deutschland könnte am Ende als der größte politische Verlierer der Euro-Krise dastehen, ganz gleich, welchen Weg es einschlägt.

          Was den Deutschen blüht, zeigt sich nicht nur, derzeit aber am deutlichsten in Griechenland. Solange Athen die Austeritätspolitik durchhält, wird sich die Wut vieler Griechen gegen Deutschland von Monat zu Monat steigern. „Bis 2020 werden wir zu Sklaven der Deutschen geworden sein“, klagte unlängst ein griechischer Ingenieur auf einer Athener Demonstration.

          Schuld sind immer die anderen

          Damit gab er wieder, was den Griechen von vielen ihrer Medien und gewählten Repräsentanten seit dem Sichtbarwerden der Krise eingeflüstert wird. Das zentrale Projekt der politischen Klasse Griechenlands besteht seit zwei Jahren in dem Versuch, von ihrem Versagen abzulenken. Das ist verständlich. So funktioniert Politik. Schuld sind immer die anderen, in diesem Fall eben die Deutschen. Deshalb wird sich das „Germany-Bashing“ in dem Maße radikalisieren, in dem die griechische „Elite“ (die man nur in Anführungszeichen als solche bezeichnen sollte) um ihren Machterhalt und den Verbleib des Landes in der Eurozone kämpft.

          Sollte Griechenland sich eines Tages außerhalb der gemeinsam Währungszone wiederfinden, wird es erst recht heißen: Die Deutschen sind schuld. Erst haben sie uns ausgepresst, und als nichts mehr zu holen war, stießen sie uns in den Abgrund. Schon aus Selbsterhaltungsgründen werden Athener Politiker diese Darstellung verbreiten. Es ist nebensächlich, dass sie falsch ist. Mythen sind fast immer stärker als Fakten.

          Europäer fühlen sich als Bürger entmündigt

          Allerdings kommen die Anschuldigungen nicht nur vom griechischen Boulevard. Unlängst erschien in „Foreign Affairs“, der renommiertesten politischen Zeitschrift der Welt, ein Aufsatz über das angebliche Versagen Deutschlands im Umgang mit der Euro-Krise. Die Autoren bemängelten unter anderem die Rolle der „von Deutschland dominierten Europäischen Zentralbank“. Dass Deutschland und Staaten mit ähnlichen Interessen, etwa die Niederlande, in der EZB ständig überstimmt werden, von Dominanz also nicht die Rede sein kann, spielt keine Rolle, Grund: siehe oben. Am Ende des Weges, auf den die „großen Europäer“ Deutschland geführt haben, könnte das Land recht einsam dastehen.

          Umso erstaunlicher ist die Anmaßung, mit der die deutschen Rettungseuropäer alle, die auf Konstruktionsfehler der Eurozone hinweisen, als schlechte Europäer, Provinzlinge, gar potentielle Kriegstreiber hinstellen. Das Unlautere ihrer Argumentation liegt in der Gleichsetzung von Europa mit dem Euro. Immer mehr Europäer fühlen sich als Bürger von „Europa“ entmündigt, bezeichnenderweise sowohl in Geber- als auch in Nehmerstaaten. Die Stimmungslage in Griechenland und Deutschland - wobei beide jeweils für eine ganze Gruppe von Staaten stehen - lässt befürchten, dass gerade die Ermahnungen sogenannter großer Europäer das europäische Projekt stärker gefährden als jene, die konstruktive Kritik daran üben.

          Europa ist ein Friedensprojekt, alles andere ist verhandelbar

          Der Euro sollte Europa „unumkehrbar“ machen. Doch indem sie ihren politischen Willen über die ökonomische Vernunft stellten, legten die Väter des Euro einen gefährlichen Sprengsatz an die Fundamente Europas. Zwar ist die EU noch lange nicht die „EUdSSR“, als die sie in Internetforen verunglimpft wird. Aber die Beglückungspropaganda der Euronisten hat etwas Beängstigendes. Dem europäischen Menschen, so die Parole am europäischen Elitenstammtisch, mangele es am nötigen fortschrittlichen Bewusstsein zur Einsicht in den Segen der Gemeinschaftswährung - weshalb die Avantgarde einstweilen gegen seinen Willen Politik betreiben müsse.

          Doch die renitenten Europäer hatten es noch nie gern, wenn man sie zu ihrem Glück zwingen wollte. An der mangelnden Beherzigung dieser Einsicht sind schon andere Reiche zerbrochen. Deshalb ist es hilfreich, sich an die Anfänge des europäischen Einigungsprozesses zu erinnern: Europa ist ein Friedensprojekt. Alles andere ist verhandelbar. So wie sich gestrige Politiker das Recht nahmen, Europa zu gestalten, so werden sich auch künftige Generationen dieses Recht nicht nehmen lassen. Das gilt besonders für die Frage, welche Staaten ihre Währung miteinander teilen wollen. Und ob gemeinsame Werte nicht besser bei getrennten Konten zu bewahren sind. Damit es am Ende nicht heißt: Bleibt der Euro, scheitert Europa. Für das Zusammenleben der Europäer gilt nämlich die alte Handwerkerweisheit, laut der man Schrauben nicht mit übermäßiger Gewalt festziehen dürfe. Denn nach fest kommt ab.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

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