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Flüchtlinge am Eurotunnel : Sprung auf den fahrenden Zug

Warten, Versuchen, Scheitern, wieder Warten – oder Sterben: Illegale Einwanderer vor den Bahngleisen am Wochenende am Eurotunnel Bild: Reuters

Auch wenn die plötzliche mediale Aufmerksamkeit den Anschein erweckt: Die Zahl der Migranten bei Calais, die nach Großbritannien gelangen wollen, ist nicht gestiegen. Sondern die Zahl der Todesopfer.

          6 Min.

          Den Handschlag verweigert der junge Sudanese – nicht etwa aus Abneigung, sondern der Heilung wegen. Seine Handballen sind mit dicken Pflastern verklebt. Gestern sprang er am Eingang zum Eurotunnel beim französischen Calais auf einen fahrenden Güterzug und rutschte ab. Er nennt sich Omar, seinen richtigen Namen behält er lieber für sich. Der dunkelhäutige Afrikaner trägt trotz der zwanzig Grad an diesem Vormittag im Flüchtlingslager von Calais eine bunte Wollmütze sowie einen braunen Trenchcoat, der in London schon etwas aus der Mode sein dürfte. Omar ist zwanzig Jahre alt und wirkt trotz seiner Jugend wie aus einer anderen Epoche. Ein illegaler Flüchtling, der sein gescheitertes Heimatland Sudan verließ, um in einen – in seinen Augen – gelungenen Staat zu gehen. Nach Großbritannien. Ob beide jemals zusammenkommen, ist höchst ungewiss. Omar aber gibt nicht auf. Sobald seine Wunden verheilt sind, will er nachts wieder den Sprung auf einen Zug oder einen Lastwagen in Richtung Großbritannien wagen.

          Gegen den Flüchtlingsansturm : Massive Polizeipräsenz am Eurotunnel

          Christian Schubert
          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.

          Omar will freilich nicht nur Sudan entfliehen; weg will er auch aus dem Flüchtlingslager am Stadtrand von Calais, das sie „Dschungel“ nennen. Die halbhohen Büsche und der Meeressand zwischen den dürftigen Behausungen aus Holzlatten und Plastikplanen haben wenig mit einem Urwald zu tun, verirren kann man sich in dem Wirrwarr an Notbehelfen aber durchaus. 2500 bis 3000 Menschen hausen hier ohne Licht und Strom. Wasser kommt nur aus vereinzelten Rohren im Boden, Toiletten und Duschen sind primitive Holzbauten, eine organisierte Müllbeseitigung scheint es nicht zu geben. Abfallberge liegen neben Kartoffelsäcken. Provisorische Moscheen und Kirchen sind errichtet worden. Eine Handvoll Hilfsorganisationen versucht eine Art Lagerleben zu organisieren, doch bleiben will hier niemand.

          Aus der Gefahrenzone: Polizeifahrzeuge eskortieren aufgegriffene Migranten in Coquelles nahe Calais Bilderstrecke
          Aus der Gefahrenzone: Polizeifahrzeuge eskortieren aufgegriffene Migranten in Coquelles nahe Calais :

          An jedem Spätnachmittag machen Dutzende Flüchtlinge ihre Unterkünfte dicht, bringen ihre wenigen Habseligkeiten ins Innere und ziehen Schnüre fest. Wenn sie Glück haben, so die Rechnung, sehen sie das Lager niemals wieder. Viele kehren in den Morgenstunden zurück, ruhen sich aus und probieren es bald wieder. Einigen bleibt die Rückkehr aus anderen Gründen verwehrt: Zehn Menschen kamen bei den Fluchtversuchen seit Anfang Juni ums Leben, Angaben über die Verletzten gibt es nicht. „Wir sagen ihnen immer wieder. Springt nicht auf die Ladeflächen der Lastwagen, die auf die Züge auffahren, denn die elektrischen Oberleitungen sind zu nahe. Manche legen sich auch unter die Zugwaggons. Wir müssen ihnen sogar sagen, dass man nicht durch den Tunnel laufen kann“, berichtet Christian Salomé, Präsident der Hilfsorganisation „L’Auberge des Migrants“.

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          Männer wie Omar haben auf solche Warnungen in ihrem gebrochenen Englisch immer die gleiche Antwort parat: „Ich habe keine andere Wahl.“ In seiner kriegsverwüsteten Heimat Darfur sei das Leben die Hölle.

          Warum ausgerechnet Großbritannien?

          Die europäische Flüchtlingskrise hat die nordfranzösische Hafenstadt Calais fest im Griff. Das ist schon seit Jahren so, doch jetzt erst wird es vielen bewusst. Die Dramatik der Lage nimmt weniger wegen der Flüchtlingszahlen zu, denn bei allen Schwierigkeiten, die Anzahl zu bemessen, halten die Hilfsorganisationen diese eher für stabil, sondern wegen der tödlichen Unfälle. Die Flüchtlinge nehmen höhere Risiken in Kauf, seitdem vor wenigen Wochen der Zugang zu den Fährschiffen des Hafens durch neue Zäune und mehr Sicherheitskontrollen weitgehend abgeriegelt wurde. So versuchen es die Flüchtlinge bei den Zügen des Eurotunnels. Sie wittern dort auch höhere Erfolgschancen, weil regelmäßige Streiks und Blockaden bei der bankrotten Fährgesellschaft My Ferry Link, die dem Eurotunnel gehört, den Lastverkehr zum Kriechgang zwingen.

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