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Bulgarien : „Es war an der Zeit, dass es zu Protesten kommt“

  • Aktualisiert am

Im linken Bild zu sehen: Dr. Rudolf Bartsch, Leiter des Goethe-Instituts im bulgarischen Sofia. Im Hintergrund bulgarische Demonstranten Bild: privat, dpa

Rudolf Bartsch, Leiter des Goethe-Instituts in Sofia, erlebt die wochenlangen Demonstrationen gegen die bulgarische Regierung aus nächster Nähe. Im Interview mit FAZ.NET spricht Bartsch über das Leid bulgarischer Politik, das Wesen der Proteste und seine Hoffnungen für die Zukunft des Landes.

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          Am 17. Juli steht der Leiter des Goethe-Instituts in Sofia inmitten einer Menge von Demonstranten vor der deutschen Botschaft in der bulgarischen Hauptstadt. Eine symbolische Mauer ist da umgestoßen worden, die von den versammelten Menschen gesungene Europahymne ist verklungen. In Kameras und Diktiergeräte spricht Rudolf Bartsch die Worte: „Wäre ich der Premierminister, ich würde abdanken.“

          Tausende Bulgaren demonstrieren seit Wochen gegen ihre Regierung und gegen die Korruption im Land. Entgegen der bislang friedlichen Protestkultur ist es jetzt zum ersten Mal auch zu Gewalt gekommen.

          Herr Bartsch, Sie leiten das Goethe-Institut in Bulgarien und leben seit vielen Jahren in Sofia. Wie erleben Sie die Proteste?

          Ich erlebe sie als positiv – positiv in dem Sinne, dass ich denke, es war an der Zeit, dass es zu Protesten kommt. Nicht nur wegen der jetzigen Regierung, sondern ganz allgemein wegen der letzten 20 Jahre, in denen alle bisherigen Regierungen dieselben Fehler gemacht haben.

          Welche Fehler sind das?

          In erster Linie ist das die Vetternwirtschaft, die Bereicherung an öffentlichen Mitteln, bis hin zur Kriminalität in unvorstellbarem Ausmaß. Da ist die Rede von Mord, Erpressung und Drogenhandel in höchsten Kreisen. Das ist ein Thema in einem Land, in dem es der Bevölkerung finanziell nicht sonderlich gut geht. Gerade unter diesen Bedingungen sollte endlich mal eine Regierung ans Ruder kommen, die sich um den Vorteil der Menschen hier kümmert.

          Was sind das für Menschen, die jetzt auf die Straße gehen?

          Das ist eine sehr bunte Mischung aus Leuten, aus jung und alt und politischen Gruppierungen von jeder Seite. Es ist auf jeden Fall nicht nur eine Schicht der Bevölkerung, es ist eine ganz breite Schicht die sich aus verschiedensten Leuten zusammensetzt. Und das zeigt auch, dass es nicht nur um einzelne Interessen geht.

          Am 17. Juli rissen Demonstranten symbolisch eine Mauer vor der deutschen Botschaft ein, die „Ode an die Freude“ wurde angestimmt: Wie europäisch fühlt sich das bulgarische Volk?

          Die Bulgaren fühlen sich sehr wohl als Europäer. Es gibt zwar immer wieder auch Bemerkungen, dass man doch nicht ganz zu Europa stehe, sich nicht zugehörig fühlt; aber im Großen und Ganzen ist es halt Fakt, dass die Bulgaren Europäer sind – und sie wünschen sich das auch, Teil der Europäischen Union zu sein.

          EU-Justizkommissarin Viviane Reding sagte in Richtung der Protestbewegung: „Ihr könnt auf uns zählen. Wir werden die Regierung in einen echten Kampf gegen die Korruption drängen.“ Wie kommen solche Versprechen im Land an?

          Das ist sehr positiv wenn man das hört und das wird den Leuten Mut geben weiter zu protestieren. Obwohl es nicht das Prinzip der EU ist sich in interne Angelegenheiten einzumischen - es gibt auch keine konkreten Forderungen an die EU - ist es schon wichtig in so einer Notlage, in der das Volk jetzt ist, dass auch von außen reagiert wird.

          Das Motto der Proteste ist ДАНСwithme, komm und tanze mit mir – doch zuletzt ist es auch zu Ausschreitungen vor dem Parlament gekommen. Ein Einzelfall, oder sind weitere Unruhen zu befürchten?

          Ich hoffe, dass es ein Einzelfall bleibt, denn eine Eskalation oder ein Ausbruch von Gewalt würde ja zwangsläufig zur Unterdrückung der Proteste führen müssen. Von Seiten der Politik gäbe es ja dann einen legitimen Grund sie zu unterdrücken, um die Ruhe wiederherzustellen. Aber Gewalt ist nicht im Sinne der Protestierenden. Es gibt eigentlich nur wenige Randalierer und die breite Protestbewegung nimmt von denen Abstand.

          Präsident Rosen Plewneliew warnte vor einer „Eskalation der Spannungen“ – könnte die nicht womöglich auch von der Regierung vorangetrieben werden, um die Proteste zu ersticken?

          Rein theoretisch ist diese Gefahr da, dadurch würde das Problem vielleicht auf radikale Weise mit Gewalt gelöst. Aber bislang gibt es keine Anzeichen in der Richtung. Es ist aber ein altbekannter Trick, nicht nur in Bulgarien sondern weltweit, dass Regierungen solche Proteste soweit eskalieren lassen, dass man sie im Sinne einer Wiederherstellung der Ruhe wieder unterdrücken kann. Das wäre schade, weil dann letztendlich doch wieder die Macht in Händen der Politmafia bliebe und sich nichts verändert.

          Auf welche Entwicklung der Proteste und in Bulgarien allgemein hoffen Sie persönlich?

          Ich hoffe, dass durch diese doch sehr nachhaltigen Proteste ein anderes Bewusstsein in Sachen Demokratie auch in der politischen Elite entsteht. Bislang hat man immer den Eindruck, dass die gewählte und demokratisch legitimierte Macht sich in Richtung Totalitarismus bewegt. Nicht so wie es in einer Demokratie gedacht ist: Das man sich als vom Volk gewählt und dem Volk dienend versteht. Ich hoffe, dass diejenigen die heute oder auch morgen am Ruder sind mehr berücksichtigen, dass man nicht ungestraft alles mit dem Volk machen kann, was man will.

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