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Britische Ukip-Partei : Der Durchbruch von Rochester

Cheers: Ukip-Chef Nigel Farafe und der Abgeordnete Mark Reckless in einem Pub nahe Rochester Bild: Polaris/laif

Nach dem Sieg in einem hart umkämpften Wahlkreis zeigt sich Großbritanniens Ukip-Partei selbstbewusst. Camerons Konservative geben sich trotzdem weiterhin gelassen.

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          Statt seinen Wahlsieg zu feiern, eilte Mark Reckless, der neue Abgeordnete der britischen Unabhängigkeitspartei Ukip, am frühen Morgen nach London. Er wollte, wie er sagte, keine Zeit verlieren, um die Arbeit für den Wahlkreis aufzunehmen. Parlamentspräsident John Bercow ließ ihm die Ehren des Hauses zuteil werden, als er eigens die Sitzung unterbrach und darauf hinwies, dass soeben ein frisch gewählter Abgeordneter seinen Sitz eingenommen habe.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Es ist erst sechs Wochen her, dass Premierminister David Cameron Reckless’ „fetten Arsch“ ein für alle Mal aus dem Unterhaus vertreiben wollte. Kurz zuvor hatte der Abgeordnete aus Rochester seinen Übertritt von den Tories zur Ukip verkündet und eine Nachwahl erzwungen. Cameron warf die Parteimaschine an, drehte den Geldhahn auf, expedierte Minister auf Wahlkampftour und kam selbst fünfmal nach Rochester – aber die Ukip konnte nicht bezwungen werden. Am frühen Freitagmorgen wurde bekanntgegeben, dass Reckless den umkämpften Wahlkreis in Kent mit sieben Prozent Vorsprung vor der Kandidatin der Konservativen gewonnen hat.

          Sieg des David gegen den Goliath

          Ukip-Chef Nigel Farage, der in den vergangenen Wochen acht Auftritte in Rochester absolviert hatte, sprach am Freitag vom Sieg des David gegen den Goliath. Daraus zimmerte er seine zentrale Botschaft für die Unterhauswahlen im Mai: „Wer Ukip wählt, der kriegt auch Ukip.“ Nichts fürchtet Farage mehr, als die taktische Überlegung der Wähler, mit einer Stimme für Ukip die Konservativen zu schwächen und so den Labour-Vorsitzenden Ed Miliband an die Macht zu bringen. Der Sieg in Rochester schenkt der Ukip nun weiteres Selbstvertrauen – nach internen Berechnungen gibt es 270 Wahlkreise, in denen die Ausgangslage für einen Ukip-Kandidaten sogar günstiger ist als dort. „Bei den Wahlen im Mai ist jetzt alles möglich“, sagte Farage.

          Ebendas bezweifeln die Konservativen, die ihre Niederlage am Freitag mit demonstrativer Gelassenheit aufnahmen. Sieben Prozent Vorsprung lägen unterhalb der Erwartungen der Ukip, hieß es. Konservative Spindoktoren sprachen sogar von einer „Abschwächung des Ukip-Momentums“ und kündigten an, den Wahlkreis bei den Unterhauswahlen im Mai zurückzuholen. Schließlich ginge es dann nicht mehr um ein Protestvotum, sondern um Großbritanniens Zukunft und die Frage, ob Cameron oder Miliband in der Downing Street sitzen, argumentierte der konservative Fraktionschef William Hague in der BBC.

          Tories stürzen sich auf Miniskandal der Labour Party

          Ein Überraschungsgeschenk erhielten die Konservativen von der Labour Party. Die landete nicht nur abgeschlagen auf dem dritten Platz, sondern produzierte am Wahltag einen Miniskandal, auf den sich die Tories mit Wonne stürzten. Milibands Vertraute Emily Thornberry, die im Falle eines Wahlsieges Generalstaatsanwältin werden sollte, hatte ein Foto auf Twitter gestellt, mit dem sie sich – unter anderem nach Ansicht der Boulevardzeitung „The Sun“ – über die einfachen Leute erhob. Zu sehen war ein kleines Reihenhaus, in dem englische Fahnen über den Fenstern hingen, davor ein weißer Kleinlaster. „Bild aus Rochester“, schrieb sie dazu. Die Labour Party, empörte sich Premierminister Cameron, „verhöhnt die Leute, die hart arbeiten, patriotisch sind und ihr Land lieben“. Noch in der Nacht entschuldigte sich Thornberry und trat von ihrem „Schattenamt“ zurück.

          Statt sich am Streit in der Konservativen Partei erwärmen zu können, müssen sich Milibands Strategen zunehmend mit eigenen Problemen beschäftigen. Die Labour Party hat nicht nur einen Frontmann, den sich gerade mal 13 Prozent als Premierminister vorstellen können, sie verliert, wie Rochester gezeigt hat, Wähler an die Ukip. Die Labour Party, schrieb der „Daily Telegraph“ am Freitag, sei „die Partei der Studenten und ihrer Professoren, der Sozialarbeiter, Schauspieler, marxistischer Intellektueller und männlicher Töpfer, die es aufregend finden, sich Frauenkleider anzuziehen, und sich dann Künstler nennen – kurzum: Labour ist bürgerlich.“ In der Ukip hingegen, brüstet sich ihr neuer Abgeordneter Mark Reckless, habe „die Tradition der Arbeiterklasse eine neue Heimat gefunden“.

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