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Asylsuchende in Deutschland : Flucht und Vermeidung

Beihilfe zum Schlepperwesen? Syrische Flüchtlinge verlassen in Italien ein Schiff, das von der Küstenwache abgefangen wurde. Bild: AFP

Es gibt viele Wege, auf denen Asylsuchende nach Deutschland gelangen. Diese Wege zeigen jedoch nicht nur die Skrupellosigkeit der Schleuser, sondern auch die Fehler im System.

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          Es war der frühe Morgen des 24. Dezember vorigen Jahres – Heiligabend. Im Revier Breitenau der Bundespolizeiinspektion Altenberg im südlichen Sachsen, nicht weit von der deutsch-tschechischen Grenze, kontrollierten die diensthabenden Beamten vier syrische Staatsangehörige. Sie hatten keine Dokumente dabei, die sie zum Aufenthalt in Deutschland berechtigten. Wie das üblich ist, fand eine Vernehmung statt. Die Polizisten wollten wissen, wie die Syrer aus dem Nahen Osten bis nach Sachsen gekommen sind. Sie bekamen die Geschichte einer Fahrt über das Mittelmeer erzählt. Einer jener lebensgefährlichen Reisen, an denen Schleuser ein Vermögen verdienen und dabei das Leben der beförderten Menschen riskieren.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Politiker haben schon viel zu diesen Vorgängen gesagt. Doch die Praktiker, die täglich damit konfrontiert werden, haben sich meistens bedeckt gehalten. Bisher. Jetzt äußerte der oberste Chef der Beamten aus Altenberg, der Präsident der Bundespolizei, ganz offen seine Meinung. „Schleuser, die führerlose Geisterschiffe in schwerer See mit Autopilot auf die italienische Küste zusteuern lassen und sich danach mittels Beiboot absetzen, nehmen den Tod aller Passagiere billigend in Kauf“, sagte Dieter Romann der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Da gehe es nicht um „Fluchthilfe“, sondern ums „Kasse machen“. Aber es gibt noch ein paar andere Dinge, die Romann rund um das Schleuserwesen aufgefallen sind, und die er sehr kritisch sieht. Es geht um den zweiten Teil der Reise jener Menschen, die sie von der italienischen Küste bis nach Deutschland führt, bis sie schließlich in den Armen der Bundespolizei landen. Es geht um die Europäische Union und das Versagen ihrer Systeme.

          Doch erst die Geschichte, die einer der Syrer erzählt hat. Der berichtete den Polizisten, er habe als Bauarbeiter im Libanon gearbeitet und damit 1000 Euro im Monat verdient. Drei Monate vor Weihnachten sei er mit dem Schiff vom Libanon in die Türkei gefahren. Seinen Pass habe er bei sich gehabt, ein Visum für die Türkei sei nicht erforderlich. Am 15. Dezember bestieg er dann im türkischen Mersin ein Frachtschiff namens „Carolyn Assens“. Auf das Schiff sei er über Facebook aufmerksam geworden. 1000 Menschen seien an Bord gewesen, berichtete der Mann. Er konnte Bilder von dem rot-weißen Schiff zeigen, was die Glaubwürdigkeit seiner Aussage erhöhte. 6000 Dollar habe er für die Fahrt Richtung Italien bezahlen müssen. Wenn alle Angaben stimmen, haben die Schleuser mit dieser Tour sechs Millionen Dollar eingenommen. Ein Riesengeschäft.

          „Mare Nostrum“ hatte auch schlechte Seiten

          Die Fahrt habe sechs Tage gedauert berichtete der Mann. Schon eineinhalb Tage vor der Landung in Italien sei der Kapitän von Bord gegangen; er sei von einem Boot abgeholt worden. Die Steuerung des Schiffs sei auf Autopilot gestellt gewesen. Am 21. Dezember kam nach dem Bericht des Syrers die italienische Küstenwache an Bord der „Carolyn Assens“. Die Menschen hatten Glück. Sie überlebten.

          Die Italiener haben ihnen das Leben gerettet. Italien ist von den Fluchtbewegungen über das Mittelmeer Richtung Europa besonders betroffen, weil die meisten Flüchtlinge hier ankommen. Im Herbst 2013 waren innerhalb weniger Tage 400 Menschen im Meer ertrunken und die Regierung in Rom reagierte. Sie begann die Operation „Mare Nostrum“ zur Rettung von Flüchtlingen. Eine gute Sache, sollte man denken. Doch kürzlich äußerte der oberste Dienstherr von Dieter Romann, Bundesinnenminister Thomas de Maizière, in einer für ihn ganz ungewöhnlichen Schärfe die gegenteilige Auffassung.

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