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Asylbewerber aus Serbien : Flucht vor der Kälte

Nicht winterfest: Die Hütten eines Roma-Lagers unter einer Eisenbahnbrücke in Belgrad
          8 Min.

          Es gibt nicht viele Ranglisten, in denen Serbien an erster Stelle steht. Die 8163 serbischen Staatsbürger, die laut Angaben des Bundesinnenministeriums in diesem Jahr bis einschließlich November politisches Asyl in Deutschland beantragten, haben ihrem Land aber einen solchen Spitzenplatz verschafft. Vor Afghanistan, Syrien, dem Irak, Mazedonien, Iran und Pakistan liegt Serbien an erster Stelle der Statistik.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Weil in dem Balkanstaat aber seit mehr als einem Jahrzehnt Frieden herrscht und die Antragsteller in ihrer Heimat auch nicht politisch verfolgt werden, haben ihre Anträge kaum Aussicht auf Erfolg. Stattdessen haben Deutschland und einige weitere EU-Staaten gedroht, Serbien, Mazedonien und den anderen Staaten des westlichen Balkans die Ende 2009 gewährte Visumfreiheit für Reisen in den Schengen-Raum wieder zu entziehen. Das ist zwar nicht so einfach, denn ein Schengen-Staat allein kann eine solche Entscheidung nicht treffen. In den Hauptstädten des Balkans hat aber schon die Drohung für erhebliche Unruhe gesorgt. Niemand denkt dort gern an die Zeiten zurück, als sich die Menschen in lange Schlangen vor den Konsulaten einreihen mussten, um am Ende einer langwierigen und mitunter erniedrigenden Prozedur - vielleicht - ein Visum für eine Reise nach Paris oder Venedig zu erhalten.

          „Die Menschen fürchten sich vor der Kälte“

          Die meisten Bürger Serbiens haben von ihrer seit genau drei Jahren geltenden Reisefreiheit Gebrauch gemacht, ohne negativ aufzufallen. Hunderttausende sind seit 2009 als Touristen oder Geschäftsleute in EU-Staaten gereist und danach wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Asylanträge werden fast ausnahmslos von Roma gestellt. Nun sorgen sich viele Serben, dass ihre Reisefreiheit wegen eben dieser Anträge wieder eingeschränkt werden könnte.

          Auf freiem Feld: In Containersiedlungen wie dieser am Rande von Belgrad sollen Roma nach der Auflösung ihrer Slums leben
          Auf freiem Feld: In Containersiedlungen wie dieser am Rande von Belgrad sollen Roma nach der Auflösung ihrer Slums leben : Bild: Getty

          Als das Phänomen der „falschen Asylanten“ vom Balkan im Jahr 2010 erstmals aufkam, hieß es in vielen Berichten, naive Roma seien Opfer des von skrupellosen Reiseveranstaltern gestreuten Gerüchts geworden, wer bei ihnen eine Fahrkarte nach Deutschland kaufe, werde mit dem Bus direkt vor eine deutsche, belgische oder andere westeuropäische Amtsstube gefahren, die dann umgehend politisches Asyl gewähre.

          Das möge anfangs in einigen Fällen zutreffend gewesen sein, doch heute sei das längst nicht mehr so, versichert Jovana Vukovic vom „Regionalen Zentrum für Minderheiten“ in Belgrad. „Die Leute wissen genau, dass sie in Deutschland kein Asyl bekommen. Sie reisen mit der Absicht dorthin, einige Monate zu bleiben, bevor sie abgeschoben werden“, sagt die junge Frau. Die Entscheidung des deutschen Verfassungsgerichts vom Sommer über eine deutliche Erhöhung der finanziellen Zuwendungen für Asylbewerber habe zwar womöglich Einfluss auf die Zahl der Antragsteller gehabt, aber der wichtigere Grund sei viel simpler, sagt Frau Vukovic: „Die Menschen fürchten sich vor der Kälte. Sie wollen die Winter im Warmen verbringen.“

          Die EU übt Druck aus

          Die saisonalen Schwankungen der Asylanträge aus Serbien bestätigen diese Aussage. Beantragten noch im August weniger als 500 serbische Staatsbürger politisches Asyl in Deutschland, waren es im September 1400, im Oktober 2700 und im November 1306. In den Vorjahren stieg die Zahl zum Jahresende in ähnlicher Weise an. Für die meisten jener Roma in Serbien, die in Armut leben, sind nämlich nicht Hunger oder mangelnder Zugang zu sauberem Trinkwasser die größte Sorge, sondern die kalten Wochen im Winter. Die Roma aus den Slums finden in den Mülltonnen Belgrads genug zu essen, um über den Winter zu kommen. Es ist in Belgrad üblich, Brot, das zwar alt, aber noch genießbar ist, nicht direkt in den Müll zu werfen, sondern in einem Plastikbeutel an einem Haken am Rande des Müllcontainers aufzuhängen, so dass Roma sich die Reste nehmen können. Auch sonst finden die Roma genug Nahrungsmittel im Müll, um ihre Familien zu ernähren.

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