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Asylbewerber aus Serbien : Flucht vor der Kälte

Die Kälte aber lässt sich nicht so einfach besiegen. In den mehr als 100 Roma-Slums der serbischen Hauptstadt verfügen zwar die meisten Hütten über selbstgebaute Öfen, doch kommen die primitiven Geräte kaum gegen den durch alle Ritzen dringenden Frost an. Das Holz, mit dem die Öfen abends vor dem Schlafengehen befeuert werden, wärmt nur während der ersten Stunden der Nacht. Morgens ist es eiskalt in den Baracken. Atemwegserkrankungen sind im Winter bei Roma häufig. Manche verlaufen tödlich, weil die Menschen ein staatliches Krankenhaus, wo sie in der Regel mit kostenloser Hilfe rechnen können, nicht oder erst viel zu spät aufsuchen. Wegen dieser schwierigen Lebensumstände stellen manche Roma in der Hoffnung auf einige Wintermonate in einer beheizten Flüchtlingsunterkunft in Deutschland einen Asylantrag, obwohl sie sich über dessen Erfolgsaussichten keine Illusionen machen.

Dass die vergleichsweise kleinen Asylantragswellen vom Balkan (es geht insgesamt um kaum mehr als 15.000 Personen und nicht, wie während der jugoslawischen Zerfallskriege Anfang der neunziger Jahre, um Hunderttausende) dennoch so viel Aufmerksamkeit erhalten, hat für die Roma auf den ersten Blick etwas Gutes: Die EU übt Druck auf Serbien und andere Staaten der Region aus, die Lage der Roma zu verbessern. Die Stadt Belgrad hat bereits mehrere Slums aufgelöst und deren Bewohner in Containerdörfer umgesiedelt. Dort geht es den Roma anscheinend besser als in den Slums. Die Container sind beheizt und werden mit Strom versorgt, es gibt auch sauberes Trinkwasser. Jeweils drei Familien teilen sich einen Duschcontainer mit fließendem warmem Wasser. Von montags bis freitags werden die Familien außerdem kostenlos mit einer warmen Mittagsmahlzeit versorgt. Den Serben gehe es nicht so gut, murren viele Belgrader. Serbischen Rentnern werde der Strom abgestellt, wenn sie die Rechnungen nicht bezahlen, aber die Roma bekämen alles umsonst - weil die EU das so wolle, heißt es.

Bei der fünften Verwarnung droht der Verlust des Containers

Doch auch einige Roma sind mit ihrer Unterbringung in den Containerdörfern nicht zufrieden. Viele Belgrader Bürger wiederum wollen die Roma-Siedlungen nicht in ihrer Nähe haben und protestieren, wenn sie erfahren, dass ausgerechnet in ihrem Stadtteil eine Containersiedlung errichtet werden soll. Um das Konfliktpotential zu minimieren, siedelte die Verwaltung die Roma aus den aufgelösten Slums deshalb an den äußersten Grenzen der Stadt an, bis zu einer Autostunde von Belgrad entfernt, so fern wie irgend möglich vom nächsten serbischen Haus.

Für die Roma hat das ernste Konsequenzen. Ihre alten Elendssiedlungen waren innenstadtnah gelegen (weshalb sich einige an einträglichem Bauland interessierte Investoren besonders für die Umsiedlungen stark machten), da die meisten Roma dort vom Müllsammeln lebten. Sie zogen mit Handkarren durch die Straßen und sammelten außer Essensresten zur Ernährung ihrer Familie vor allem Wertstoffe wie Plastikflaschen, Pappe und Metall. Für einen Container Altpapier zahlen die Abnehmer etwa 25 Euro. Eine fleißige Familie kann die nötige Menge in wenigen Tagen sammeln. In den Containersiedlungen aber, weit draußen vor der Stadt, ist diese Art des Erwerbs nicht möglich. „In den neuen Siedlungen werden Sozialhilfeempfänger herangezogen. Das ist ein sicheres Rezept, die Integration der Roma zu verhindern“ sagt Jovana Vukovic, deren Arbeit unter anderem von der Menschenrechtsorganisation „Amnesty International“ und der schwedischen Regierung bezahlt wird. Allerdings lobt sie die Stadt dafür, dass die Containersiedlungen an den Schulbusverkehr angebunden sind. Viel mehr Roma-Kinder als früher gingen jetzt zur Schule. Eltern, die ihre Kinder nicht am Unterricht teilnehmen lassen, riskieren die Ausweisung aus dem Lager. Die Stadt hat ein Warnsystem eingeführt. Bei der fünften schriftlichen Verwarnung droht der Verlust des Containers.

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