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Allensbach-Umfrage für die F.A.Z. : Europa profitiert von Kriegsangst

  • -Aktualisiert am

Der Ukraine-Konflikt beeinflusst die Friedenssicherung in Europa. Bild: dpa

Die Deutschen sehen die EU wieder stärker als Garanten des Friedens auf dem Kontinent. Das ist offensichtlich auch eine Folge des Konflikts in der Ukraine. Viele Menschen fühlen sich durch das Vorgehen der Russen bedroht.

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          Am 9. Juni 2006 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein Interview mit dem damaligen österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel, in dem dieser beschrieb, warum in der öffentlichen Diskussion über die europäische Integration seiner Ansicht nach die falschen Schwerpunkte gesetzt würden. „Europa“, sagte er, „muss jedes Mal neu begründet werden. Die Leute ... wollen nicht mit Methodendiskussionen und Verfahrensstreitigkeiten gelangweilt werden, sondern sie wollen die Kernbotschaft Europas vermittelt bekommen. Das ist vor allem und nach wie vor die Friedensbotschaft. Gehen Sie auf einen Dorffriedhof, schauen Sie sich die Gräber aus den Weltkriegen an, und Sie wissen, was ich meine. Diese Botschaft ist nicht mehr selbstverständlich, und die Jungen kennen sie nicht mehr. Europa darf sich nicht nur wirtschaftlich begründen. Europa war früher ein Herzthema: ‚Nie wieder Krieg.‘ Heute ist es ein Kopfthema, oder es ist heruntergerutscht zum Portemonnaie: Was nützt mir das? Was habe ich davon? Das ist tödlich.“

          Bild: F.A.Z.

          Tatsächlich konnte man in den vergangenen zwei Jahrzehnten oft den Eindruck gewinnen, bei der europäischen Einigung gehe es vor allem um die Frage, inwieweit sie den Bürgern wirtschaftliche Vor- oder Nachteile brächte. Die Erinnerung daran, dass die Einigung ursprünglich auf ganz anderen Motiven gründete, schien verblasst zu sein. Bereits in den neunziger Jahren wurde es von vielen Menschen als etwas unzeitgemäß empfunden, dass Helmut Kohl nicht müde wurde zu betonen, dass die europäische Einigung eine Frage von Krieg und Frieden sei. Und als François Mitterand 1995 in seiner letzten großen Rede vor dem Europaparlament seinem Publikum den Satz „Le nationalisme, c’est la guerre“ entgegenschleuderte, wirkte das wie aus der Zeit gefallen. Zu unwahrscheinlich schien es, dass noch einmal aggressiver Nationalismus europäische Länder in den Krieg gegeneinander treiben könnte.

          Zwischen Geld und Friedenssicherung

          Könnte es sein, dass die Krise in der Ukraine das Thema Europa, in den Worten Schüssels, wieder vom Portemonnaie wegführt? Und könnte es sein, dass dadurch die Europawahl in einem ganz anderen politischen Klima stattfindet, als man noch vor Wochen annehmen konnte?

          Die Umfrageergebnisse geben keine deutlichen Antworten auf diese Fragen. Grundlegend hat sich der Blick der Deutschen auf die europäische Einigung bisher nicht verändert, einige leichte Akzentverschiebungen sind jedoch feststellbar.

          Dabei ist zuerst festzuhalten, dass der Gedanke, wonach es bei der europäischen Einigung nicht nur um Geld, sondern mindestens ebenso sehr um Friedenssicherung geht, bei der Bevölkerung durchaus noch präsent ist, allen Diskussionen um finanzielle Fragen zum Trotz. Das zeigen die Antworten auf eine Frage, bei der zwei verschiedene Meinungen zur Europäischen Union zur Auswahl gestellt wurden. Die eine lautete: „Ich finde die Europäische Union vor allem als Wirtschaftsgemeinschaft wichtig. Was am Ende zählt, ist, dass alle Mitgliedsländer durch die Möglichkeit, frei miteinander zu handeln, einen wirtschaftlichen Nutzen durch die Gemeinschaft haben.“ Die Gegenposition lautete: „Ich finde die Europäische Union vor allem als politische Gemeinschaft wichtig. Dadurch, dass alle Mitgliedsländer politisch eng miteinander verbunden sind, ist der Frieden in Europa garantiert.“ 33 Prozent entschieden sich für die erste und sehen Europa vor allem als Wirtschaftsgemeinschaft, etwas mehr, 37 Prozent, stimmen der zweiten Meinung zu und sehen Europa vor allem als politische Gemeinschaft.

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