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50 Jahre Römische Verträge : „Europas Stärke ist zivil“

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Passen alle Teile? Europa-Puzzle in Rom Bild: AP

Sogar Amerikas Republikaner sind beeindruckt über Europas Erfolge: Der Politologe Andrew Moravcsik aus Princeton über Demokratie, Bürokratie, Bürger und die Frage, wo das amerikanische System erfolgreicher ist.

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          Sogar Republikaner sind beeindruckt über Europas Erfolge: Der Politologe Andrew Moravcsik aus Princeton über Demokratie, Bürokratie, Bürger und die Frage, wo das amerikanische System erfolgreicher ist.

          Herr Professor, Sie lehren in Princeton, sind Direktor des „European Union Program“ dort. Die europäischen Regierungen feiern in diesen Tagen den 50. Geburtstag Europas, gleichzeitig ist von einer Krise der EU die Rede - eine seltsame Situation. Wie sehen Sie als Amerikaner Europa?

          Die Europäische Union hat eine gewisse Reife erreicht. Sie muss sich nicht mehr zwangsläufig ununterbrochen vorwärts bewegen, um nicht auseinander zu brechen. Die EU ist älter als die meisten Demokratien in der heutigen Welt! Und jede Demokratie gelangt irgendwann an einen Punkt, an dem sie stabil und erfolgreich ist, auch wenn sie nicht ständig ihre Struktur ändert. Wir sollten aufhören, die EU, zu behandeln, als wäre sie kurz davor zu scheitern, jedes Mal wenn darüber gestritten wird, wo es hingehen soll.

          Erfolgreich ist die EU aber sicher nicht in jedem Bereich; die gemeinsame Außenpolitik steckt in den Kinderschuhen, und bei den entscheidenden Konflikten hängt Europa von Amerika ab. Wo liegen die Gründe für Ihren Optimismus?

          Lassen Sie uns über das vergangene Jahrzehnt reden, das das erfolgreichste Jahrzehnt in der Geschichte Europas ist: die Vollendung des Binnenmarktes, die Einführung der gemeinsamen Währung, die Erweiterung auf 27 Mitgliedsstaaten... Sogar meine (wenigen) republikanischen Freunde im National Security Council würdigen diese Entwicklung! Die Leute beklagen sich über die Außen- und Sicherheitspolitik vor allem wegen des Iraks. Aber der Irak ist ein schlechtes Beispiel. Es handelt sich um eine völlig außergewöhnliche Situation: Die Amerikaner wählten den Einsatz von Kampfmitteln, was die meisten Europäer ablehnten. Bei jedem anderen Einsatz von Gewalt seit dem Ende des Kalten Krieges bestand zwischen Europa und den Vereinigten Staaten ein Konsens. Zudem ist der Erfolg der europäischen Außenpolitik nicht unbedingt an ihrer militärischen Macht festzumachen. Europa hat in einer anderen Art von anderer internationaler Macht Pionierarbeit geleistet, die sich in ziviler Stärke ausdrückt. Die europäische Erweiterung ist vermutlich die kosteneffizienteste Maßnahme zur Stärkung von Frieden und Demokratie seit dem Ende des Kalten Krieges. Europa kommt für einen Großteil der Entwicklungshilfe auf, Europa stattet die meisten friedenssichernden Einsätze aus, Europa ist in vielen der internationalen Organisationen aktiv, Europa hat seine eigenen Werte: soziale Werte, Werte über kulturelle Vielfalt. Diese sind in vielerlei Hinsicht attraktiver als amerikanische Werte.

          Gleichzeitig haben wir in Europa große wirtschaftliche Probleme - hohe Sozialkosten, unflexible Arbeitsmärkte, hohe Löhne… Ist das amerikanische System hier nicht erfolgreicher?

          Sicher, in den letzten zehn Jahren hatte Amerika ein höheres Produktivitätswachstum als Europa. Der entscheidende Punkt ist aber ein anderer: Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in der EU liegt seit etwa einer Generation deutlich unter den entsprechenden amerikanischen Werten. Ein Großteil dieses Unterschieds erklärt sich daraus, dass Europäer weniger arbeiten. Amerikaner würden ebenfalls gerne weniger arbeiten, machen dies aber nicht, da das ökonomische System es ihnen nicht erlaubt. Wenn Sie aber einem Franzosen sagen, er bekäme etwas mehr Gehalt, solle dafür jedoch keinen Sommerurlaub haben, so würde er wahrscheinlich protestieren! Die Franzosen haben sich dafür entschieden, weniger zu arbeiten - und weniger zu verdienen. Das ist eine rationale Entscheidung, die in einer Gesellschaft getroffen wird.

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