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Europäische Dienstpflicht : Ein Jahr für Europa

  • -Aktualisiert am

Eine europäische Dienstpflicht für alle kann dem Gemeinwesen einen neuen Geist geben. Bild: AP

Eine europäische Dienstpflicht für alle kann dem Gemeinwesen einen neuen Geist geben.

          12 Min.

          1.Amerika bietet uns das Schauspiel eines Landes, dessen Gesellschaft zerfällt. Die politischen Parteien finden zu keiner Gemeinsamkeit mehr, weil ihre Wähler und Wählerinnen zu keiner mehr finden; die ökonomischen Unterschiede, die Unterschiede bei Bildung und Ausbildung, Gesundheits- und Altersvorsorge, Krisenbewältigungsmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven sind zu groß, und sie werden durch Rassismus und die sozialen Medien verschärft, in denen die unterschiedlichen Segmente der Gesellschaft gegensätzlich informiert werden. Es ist das Schauspiel dessen, was der westlichen Welt insgesamt droht. Wie alles, geht auch der gesellschaftliche Zerfall in Europa langsamer vonstatten als in Amerika; der Sozialstaat europäischer Tradition mildert manche Unterschiede. Aber überall in Europa geht die Schere zwischen Arm und Reich auseinander, sind die beruflichen Aussichten der Jugend von Generation zu Generation prekärer, wird der populistische Nationalismus mit seiner innen- und europapolitischen Spaltkraft stärker und fällt die Integration der Migranten und Migrantinnen schwer. Nicht überall gibt es Vorstädte, in denen Muslime in Gegenwelten leben oder die Jugendarbeitslosigkeit 40 Prozent beträgt. Wird aber Europa als Ganzes und werden die Unterschiede und Gegensätze zwischen West- und Osteuropa, reichen und armen Ländern, Hightech-, Rust-Belt- und agrarischen Regionen und zwischen demokratischen und trumpistisch-autoritären Kräften und Staaten in den Blick genommen, wird die Ähnlichkeit des Wegs, den Amerika und Europa nehmen, unübersehbar.

          Die Unterschiede und Gegensätze der Situationen und Interessen sind ebenso Unterschiede der Mentalitäten und Orientierungen. Man redet nicht miteinander, versteht einander nicht, vertraut einander nicht, erlebt keinen Zusammenhalt und will auch keinen erleben. Das erscheint erträglich, solange die Anderen, die Abgehängten, die Ungebildeten, die religiösen Eiferer, die Politikverdrossenen, die Systemverweigerer, die Extremisten entweder eine Minderheit sind oder sich nicht politisch artikulieren. Sobald sie, wie in Amerika, zur starken politischen Kraft werden, zerreißt es die Gesellschaft. Präsident Biden will versuchen, Amerika wieder zu einen. Dem setzen nicht nur die Gewaltenteilung und Selbständigkeit der Staaten, durch die Gegensätze zwischen Demokraten und Republikanern politisch extrem aufgeladen, Grenzen. Politik allein kann gesellschaftliche Verwundungen nicht heilen. Sie muss auch Einrichtungen, Räume und Kontexte schaffen, in denen die Gesellschaft sich selbst heilt.

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