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Bundeswehr : Europäer in Uniform

Deutsche Soldaten in Münster: Öffnet sich die Bundeswehr bald für EU-Bürger? Bild: EPA

Das Konzept, dass nur Landeskinder gute Soldaten für den jeweiligen Staat sind, hat sich längst überholt. Die Bundeswehr sollte sich für alle EU-Bürger öffnen. Ein Kommentar.

          Frauen und Männer aus Deutschlands Partnerstaaten in der EU sollen jetzt also für die Bundeswehr geworben werden. Generalinspekteur Eberhard Zorn hat diesen Vorschlag wieder ins Spiel gebracht. Polen, Iren, Belgier sollen in der Bundeswehr dienen können, wenn sie bestimmte Fähigkeiten mitbringen – als Computerfachleute oder als Ärztinnen.

          Es gibt natürlich gewichtige Gegenargumente, und sie haben gewichtige Kronzeugen. Einer davon ist der preußische Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst, der 1813 in der ersten Schlacht der Befreiungskriege gegen Napoleon tödlich verwundet wurde. „Alle Bürger eines Staates sind die geborenen Verteidiger desselben“, hatte er geschrieben. Zugleich gab Preußen diesem Postulat dadurch Substanz, dass es dem „Bürger“ gute Gründe gab, seinen Staat zu schützen.

          Gerade erst hatten die „preußischen Reformen“ die Erbuntertänigkeit der Bauern beendet. Scharnhorst schaffte das Adelsprivileg für Offiziersstellen ab. Der Bürger als Verteidiger seines Staates war dadurch zugleich der Verteidiger seiner Rechte. Heute setzt das Leitbild des „Bürgers in Uniform“ diesen Gedanken fort.

          Es ist eilig

          Im Umkehrschluss ist Scharnhorsts Satz allerdings auch so gelesen worden: Nur Landeskinder sind gute Soldaten. Nur Deutsche werden notfalls bereit sein, für Deutschland zu sterben. Fremde „Söldner“ dagegen gelten nach dieser Vorstellung als unzuverlässig, vielleicht gar als gefährlich.

          Allerdings hat die Realität diese Sorgen überholt. Deutschland wird längst nicht mehr nur von Deutschen verteidigt, sondern seit Generationen genauso sehr von Amerikanern, Briten, Belgiern. Das war im Kalten Krieg so, und heute verteidigen im Gegenzug deutsche Soldaten die Verbündeten am Ostrand von Nato und EU. In Litauen führt ein deutscher Offizier Einheiten aus Belgien, Frankreich, Island, den Niederlanden, Norwegen und der Tschechischen Republik.

          Heute würde Scharnhorst seine Forderung deshalb anders formulieren. „Alle Bürger der Europäischen Union sind die geborenen Verteidiger derselben“, müsste sein Satz jetzt heißen. Bis vor kurzem hätte man hinzufügen müssen: Auch alle Bürger aus Staaten der Nato. Weil aber Amerika nicht mehr verlässlich ist, und weil kein europäisches Land die Rechte und Freiheiten seiner Bürger allein verteidigen kann, rückt jetzt Europa ins Zentrum. An die Stelle des „Staatsbürgers in Uniform“ muss der EU-Bürger treten.

          Es ist eilig. Amerika zieht seine Soldaten aus Syrien ab und verkleinert sein Kontingent in Afghanistan. Das betrifft Europa sehr direkt, denn wenn Amerikas Rückzug zu neuen Flüchtlingsdramen führt, werden sich vielleicht wieder Hunderttausende nach Westen aufmachen. Die Staaten der EU haben aber heute nicht die Mittel, um Amerika als stabilisierende Macht zu ersetzen. Wenn alles zusammenbricht, können sie nur zusehen. Das zeigt, wie viel noch zu tun ist.

          Der französische Präsident und die deutsche Bundeskanzlerin beschwören zwar Visionen von europäischer Souveränität und einer „europäischen Armee“, aber der Weg dorthin ist längst nicht gebahnt.

          Es gibt kein gemeinsames Führungskonzept, keine gemeinsamen Prinzipien für Rüstungsexporte, und vor allem: es gibt bei weitem nicht genug Geld. Der Weg zum Europäer in Uniform ist lang. Ein paar slowakische Stabsärztinnen in der Bundeswehr sind da nur ein kleiner Schritt. Aber ein richtiger.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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