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EU-Beitritt der Türkei : „Das Ende des türkischen Staats“

Das türkische Militär befürwortet einen Beitritt Bild: AP

Alle Umfragen kommen zum gleichen Ergebnis: Jeder vierte Türke lehnt eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union ab. Nationalisten und Islamisten fürchten, Europa könnte die Türkei aufteilen und den Islam auslöschen.

          3 Min.

          Alle Umfragen kommen zum gleichen Ergebnis: Drei von vier Türken wollen EU-Bürger sein, ein Viertel lehnt eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union ab. Für die EU entscheidet sich, wer unter ihrem Dach seine Ziele verwirklicht sieht. Denn die einen wollen den säkularen Charakter der Türkei erhalten und die anderen mehr religiöse Rechte haben, eine dritte Gruppe sieht dann die territoriale Integrität der Türkei bewahrt, eine vierte erwartet mehr kulturelle Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten für die Kurden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Ihnen steht ein ebenso buntes Gemisch derer gegenüber, die Europa verschmähen. So mißtrauen die strammen Nationalisten und die frommen Islamisten Europa, weil es danach trachte, die Türkei aufzuteilen und den Islam auszulöschen. Ergänzt werden sie von den Kräften der Beharrung in der zentralistischen Bürokratie und von linken Globalisierungsgegnern. Sie alle ziehen eine Isolation der Türkei einer Integration in größere Kreise vor.

          Vorbehalte in Anatolien

          Eine repräsentative Erhebung des türkischen Ablegers des „Open Society Institute“ hatte herausgefunden, daß vor allem die Wähler der rechten „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP) und der islamistischen „Partei der Glückseligkeit“ (SP) eine EU-Mitgliedschaft der Türkei verwerfen. Groß sind die Vorbehalte in Zentralanatolien, wo die Nationalisten und die Islamisten besonders stark sind. Auch diese Umfrage bestätigte die hohe Zustimmung zum EU-Projekt.

          Allerdings hatten auch 50 Prozent gesagt, es würde sie beunruhigen, direkt neben der türkischen Flagge jene der EU zu sehen. 53 Prozent gaben sogar an, würde die Türkei alles tun, was die EU wünsche, wäre es das „Ende des türkischen Staats“. Bei den türkischen EU-Gegnern wiederholen sich damit die Argumente der Beitrittsgegner in der EU. Mit der gleichen Struktur, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.

          „Die Geschichte wiederholt sich“

          Giscard d'Estaing und Wolfgang Schäuble sehen im Beitritt Ankaras das Ende der EU, umgekehrt halten türkische Nationalisten die EU-Mitgliedschaft für das Ende der Türkei. Kritiker in der EU fürchten, „1683“ könnte sich wiederholen; EU-Kritiker in der Türkei haben indessen Angst, daß die EU den Diktatfrieden von Sevres (1920) vollzieht und die Türkei unter sich aufteilt.

          „Die Geschichte wiederholt sich“, warnte etwa der populäre Vorsitzende der Industriekammer Ankaras, Sinan Aygün. „Was wir von 1838, der Öffnung des Osmanischen Reichs für England mit einem Handelsvertrag, bis Sevres erlebt haben, mit dem sind wir auch heute wieder konfrontiert.“ Auf beiden Seiten besteht zudem die Angst vor der Religion des anderen. Gemeinsam beschwören Islamisten und säkulare Nationalisten die Gefahr einer Missionierung der Türkei.

          „Und dann werden wir Christen“

          Sogar Attila Ilhan, der Oberpoet der intellektuell-elitären Kemalisten, stimmt in diesen Chor ein. In einem Interview mit der islamistischen Zeitschrift „Gercek Hayat“ skizzierte der säkulare Literat die Geschichte der Missionierung der Türkei bis zu Henry Palmerston, dem britischen Premierminister Mitte des 19. Jahrhunderts, zurück. Die Bewegung, die Türkei zu christianisieren, dauere bis heute an, behauptet Ilhan.

          Denn der muslimische Türke sei für den Europäer die größte Gefahr. „Ihr Plan ist einfach: Sie teilen uns, und dann werden wir Christen.“ Weiter gehen die Vorbehalte der Islamisten gegenüber Europa. Ahmet Tasgetiren, einer ihrer Vordenker, klagt, daß die Gesellschaft Europas kaum mehr die Institution der Ehe kenne und außereheliche Beziehungen weit verbreitet seien. Die türkische Gesellschaft könne freie geschlechtliche Beziehungen aber nicht akzeptieren.

          Diktat von Sevres statt Republik

          Einer der Globalisierungskritiker ist der nationallinke Wirtschaftsprofessor Erol Manisali. In seinen Kolumnen in der kemalistischen Zeitung Cumhuriyet, die das EU-Projekt ebenfalls bekämpft, schreibt er von Woche zu Woche über den „westlichen Imperialismus“ und das „Großkapital“, das die Türkei in das „Wartezimmer der EU“ stoßen wolle, damit sie dort langsam zugrunde gehe.

          Letztlich gehe es im EU-Projekt nur darum, den Friedensvertrag von Lausanne (1923), der die Gründung der Republik Türkei ermöglicht hat, gegen das Diktat von Sevres einzutauschen. Bisher habe die Türkei erst Zypern aus der Hand gegeben, schrieb er jüngst. Nun stünden „die Pläne der Armenier an, eine Autonomie für den Südosten der Türkei und die Umwandlung des ökumenischen Patriarchats in einen orthodoxen Vatikan“.

          Angst vor homosexuellen Eheschließungen

          Eine Teilung und Spaltung der Türkei fürchtet auch die Zeitschrift „Gercek Hayat“. Auch erwartet sie auf Druck der EU homosexuelle Eheschließungen. Besorgt fragt sie sich, weshalb dennoch 75 Prozent der Türken eine EU-Mitgliedschaft unterstützten. Ihre Antwort schiebt sie gleich nach: „Weil in diesem Land kein Politiker, kein Schriftsteller und kein General mehr von etwas anderem spricht als der EU.“

          Es trifft zu, daß auch die meisten Generäle bei den EU-Befürwortern angekommen sind. Denn zum einen haben auch sie in den vergangenen Jahren die grundlegenden Veränderungen der türkischen Gesellschaft mitgemacht, und zum anderen sind sie sehr wohl bereit, ihre Hüterfunktion für das säkulare Erbe Atatürks an einen neuen Stabilitätsanker abzutreten, nämlich an die EU.

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