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Ethikrat : Das nächste Bündnis bricht

Mit dem Biochemiker Winnacker hat der Ethikrat ein zwar leises, aber um so wichtigeres Mitglied verloren. Schröders Plan, seinem Rat ein besonderes Gewicht zu verleihen und die öffentliche Diskussion zu steuern, ist damit gescheitert.

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          Ein Leisetreter ist Ernst-Ludwig Winnacker nicht. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), oberster Sprecher der deutschen Wissenschaft, sofern sie Forschung und nicht Lehre ist, läßt es in seinen öffentlichen Einlassungen nicht an jener Klarheit und Deutlichkeit fehlen, die Grundgebot naturwissenschaftlicher Erkenntnistheorie im besonderen und wissenschaftlicher Ethik im allgemeinen ist.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wohl darf man Winnacker einen Leiseauftreter nennen. Wenn zum Erfolg eines Wissenschaftspolitikers das Netzwerkknüpfen gehört, dann kommt Winnacker jedenfalls ohne Blickkontaktpflege aus. Den Kopf hält er gesenkt, ein Inbild der Abwägung; er spricht in verhaltenem Ton. Ist der Mann menschenscheu, den der Bundeskanzler unter die Ratgeber berief, die ihm bei der Antwort auf die Frage "Wer ist ein Mensch?" helfen sollten? Dieser Charakterzug wäre kein Grund gewesen, der Berufung in den Nationalen Ethikrat nicht Folge zu leisten.

          Risiko-Projekt des Kanzlers

          Im Gegenteil. Die Kompetenz in Fragen des guten Lebens, die den Ratsmitgliedern unterstellt wird, kann sich nicht im Argumentieren und im Repräsentieren erschöpfen, denn Vernunftwesen sind wir alle, und Lobbyisten sollen für ihre Klientel sprechen. Wie riskant das Projekt des Kanzlers war, in der Biopolitik Modernität zu demonstrieren, zeigt, daß das von ihm erdachte Steuerungsinstrument auf altmodischen Voraussetzungen beruht. Eine Ressource mußte Schröder recyclen, die durch jenen Fortschritt der Wissenschaft außer Gebrauch gekommen war, dessen Beurteilung dem neuen Gremium gerade aufgegeben wurde. Autorität, wo Gut und Böse umstritten sind, setzt mehr als Klugheit und Wissen voraus, nämlich Weisheit. Ethik, die öffentlich Wirkung zeigen soll, muß symbolisch dargestellt werden, und da es um den Menschen geht, kann nur der Mensch sie darstellen. Sie ist eine Sache der Haltung.

          Vogel beeindruckt die Leidenschaft

          Den moralischen Pluralismus unserer Gesellschaft verkörpern die Mitglieder des Ethikrates im wörtlichen Sinne - indem sie eine Vielfalt von Grundhaltungen zur Schau stellen, die sich auch in Tonfall und Körpersprache ausdrucken. Was gibt den Wortmeldungen von Hans-Jochen Vogel ihr Gewicht? Zunächst sein Alter, einfachstes Indiz der Weisheit in einfacheren Gesellschaften, und seine Erfahrung. Die Bürger erinnern sich, daß er als Justizminister in der Terroristenzeit unter tragischen Bedingungen zu handeln hatte. Sein Verstand ist gefürchtet, sein Gedächtnis legendär.

          Aber wenn dieser Scharfsinn ihn dann eine scharfe Rede führen läßt, wenn er unermüdlich eine Ehrlichkeit einklagt, mit der es sich beispielsweise nicht verträgt, daß man die Inanspruchnahme der Präimplantationsdiagnostik (PID) mit Mitteln beschränken will, die schon bei der Pränataldiagnostik nicht funktioniert haben - dann ist eindrucksvoll, weil es in der Ethik eben ums Ganze geht, doch die ganze Gestalt, ein Dürerscher Apostel, leidenschaftlich entflammt für das, was er mit Gründen für das Richtige hält.

          Schlüsselrolle für Winnacker

          Auf der Gegenseite führt die schnittige Erscheinung des Berliner Philosophieprofessors und "Merkur"-Aphoristikers Volker Gerhardt mit dem schmalen, fast kahlen Kopf und der klassischen Intellektuellenbrille vor Augen, daß die Lebenslehren der Kälte wieder schick sind. Der Club der Menschenfreunde, der im Sinne der von Gerhardt entdeckten "Natalität" nur geborene Mitglieder aufnimmt, hat in ihm einen gewandten Sekretär. Auf diesem Gruppenbild der Charakterköpfe war Winnacker die Schlüsselrolle zugedacht. Er sah aus und er sprach wie ein Bedenkenträger - ihm glaubte man anzusehen, daß sich die Wissenschaft schwertat mit jener Aufweichung der rechtlichen Standards, die zu fordern sie als ihre Pflicht ausgab.

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