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Erziehung : „Rettet wenigstens die ersten drei Jahre!“

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Wahlgren: „Wir müssen die Arbeit in die Familien zurückholen” Bild: dpa

Die schwedische Autorin Anna Wahlgren sorgt mit ihren pädagogischen Büchern für zahlreiche Kontroversen. In der F.A.Z. spricht sie über Kinderbetreuung, Familie, Beruf und das „schwedische Modell“.

          Sie ist Schwedens berühmteste Mutter und eine Astrid Lindgren der pädagogischen Literatur: Anna Wahlgren. Neun Kinder von drei Männern bekam sie, und viele Jahre lang sorgte sie allein für ihre Familie. Insgesamt war sie siebenmal verheiratet. 27 Bücher schrieb sie, immer während des Mittagsschlafs der Kinder. Vor 23 Jahren erschien in Schweden ihr Erziehungsratgeber „Das Kinderbuch“, das vor zwei Jahren auch ins Deutsche übersetzt wurde.

          In Skandinavien ist es mittlerweile eine halbe Million Mal verkauft worden (in Deutschland 80. 000 Mal). Dabei sind Wahlgrens Ansichten ganz und gar unschwedisch: Sie lehnt Kinderkrippen ab und plädiert dafür, daß kleine Kinder in ihrer „Herde“ bleiben sollen, also mit einem oder mehreren Familienangehörigen zu Hause an der täglichen Routine teilhaben sollen. „Kleine Kinder brauchen uns“, lautet ihr Credo.

          In Schweden hat sie dafür von Sozialpolitikern einige Kritik eingesteckt. Eltern hingegen mögen ihre Bücher, weil sie Freude an der alltäglichen Erziehungsarbeit vermitteln und die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt stellen. Wahlgrens unkonventioneller Lebensstil hat sie zu konservativen Ansichten in der Erziehung geführt: Sie propagiert feste Tageszeiten fürs Essen, Schlafen und Spielen, klare Regeln, einfache Mahlzeiten und vertraut ganz und gar in die Fähigkeiten des Kleinkindes, selbständig alles Notwendige zu lernen - wenn es sich geborgen fühlt und gelernt hat, sich selbst zu beschäftigen. Anna Wahlgren ist 64 Jahre alt und hat elf Enkelkinder.

          In vielen Staaten Europas gilt das schwedische Modell als Vorbild: Kinder werden hier nach dem ersten Lebensjahr ganztags betreut. Sollten sich andere europäische Staaten an Schweden ein Beispiel nehmen?

          Nein, auf keinen Fall. Schwedische Kinder sind in den vergangenen zwanzig Jahren nicht sehr glücklich gewesen. Sie verlieren ihr Zuhause und ihre Familien viel zu früh. Kleine Kinder lachen wenig, und sie spielen nicht frei, phantasievoll und unbekümmert. Depressionen, Alkohol- und Drogenprobleme unter Jugendlichen nehmen zu. Ein großer Teil der Heranwachsenden sagt: „Wir haben absolut niemanden, mit dem wir sprechen können.“ Wir Schweden eifern den Vereinigten Staaten nach, eigentlich wollen wir den „American way of life“: viel arbeiten, viel Geld verdienen, viel konsumieren. Gewalt unter Jugendlichen nimmt in beängstigender Weise zu - das Leben hier ist hart geworden.

          In Schweden bekommt eine Frau im Durchschnitt 1,7 Kinder, in Deutschland 1,3. Ist Schweden ein kinderfreundliches Land?

          Nein. In Schweden ist es nur leichter, sein Kind loszuwerden. Doch mittlerweile gibt es Kinderkrippen, in denen zwei Erzieherinnen für zwanzig Einjährige zuständig sind. Das muß man sich mal vorstellen! Manche Kinder können noch nicht selber essen, fast alle tragen Windeln. Das geht allein schon praktisch nicht, von der emotionalen Seite ganz zu schweigen. Sie sehen: Der schwedische Wohlfahrtsstaat taugt nicht als Modell, denn Kinder und Alte werden beiseite geschoben - und es geht ihnen schlecht dabei. Das ist meiner Meinung nach einer der wichtigsten Gründe, warum wir uns für eine neue Regierung entschieden haben.

          Was empfehlen Sie Eltern von kleinen Kindern?

          Jedenfalls keine institutionelle Betreuung von unter Dreijährigen. Ich sage jungen Eltern: Rettet wenigstens die ersten drei Jahre! Einer sollte mit den Kindern zu Hause leben und wirtschaften, egal ob der Vater oder die Mutter. Ich habe keines meiner neun Kinder in eine Kinderkrippe gegeben, weil ich bei ihnen sein und von ihnen lernen wollte.

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