https://www.faz.net/-gpf-8l3dl

Nach der Landtagswahl : Sellering verhindert noch größeren AfD-Sieg

Unerwarteter Erfolg: Jubelnde SPD-Anhänger bei der Wahlparty in einem Restaurant in Schwerin Bild: dpa

Bei der SPD in Mecklenburg-Vorpommern wird mehr gefeiert als bei der AfD – wer hätte das für möglich gehalten? Ministerpräsident Sellering hat ein Rennen gedreht und die AfD seinen Koalitionspartner gedemütigt. Eine landespolitische Analyse.

          2 Min.

          Wer hätte vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern Zweifel haben können, dass der Wahlabend der AfD gehören würde?  Zumal es nicht ausgeschlossen war, dass die neue Partei aus dem Stand  womöglich doch ihr Ziel erreichte, stärkste Kraft im Land zu werden. Es kam dann doch so, wie es einige Meinungsforscher wenige Tage zuvor angedeutet hatten. Die AfD wurde stärker als die CDU, musste sich aber mit Platz Zwei begnügen.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Richtig gefeiert wurde bei der größeren Regierungspartei SPD, die es unerwartet auf mehr als 30 Prozent der Stimmen brachte. Das war allein das Verdienst des Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Erwin Sellering. Das Zugpferd der Sozialdemokraten drehte das Rennen, das eigentlich für die SPD über Wochen als aussichtslos galt.

          In den Umfragen hatte die SPD zu Beginn des Wahlkampfs zunächst weniger Zustimmung als die CDU, auch der Bundestrend war keine Hilfe für die Genossen im Nordosten. Sellering wählte eine ganz einfache Taktik. Er setzte alles darauf, die eigenen Leute zu mobilisieren. Der Landesvater reiste durch das Land, verteilte in einer Charmeoffensive ganz klassisch als Wahlkämpfer alter Schule Rosen. Er zeigte sich gelassen und gut gelaunt. Sellering blieb gelassen auch, wenn das Thema auf die AfD kam und wiederholte stoisch: Wir bleiben stärkste Kraft.

          Sein Gesicht war überall im Land auf Plakaten zu sehen. Am Ende ging die Rechnung auf. Und es gab noch einen anderen großen Wahlsieger bei der SPD: Patrick Dahlemann schaffte es in Vorpommern, einen Wahlkreis für die SPD zu erobern. Ein packendes Rennen war erwartet worden gegen den CDU-Kandidaten, denn Vorpommern war bisher politisch schwarz eingefärbt. Das Rennen lief dann aber gegen die AfD, und erst spät am Abend konnte der SPD-Mann seinen Sieg feiern.

          AfD schneidet schlechter ab als in Sachsen-Anhalt

          Für die AfD sind in Mecklenburg-Vorpommern die Bäume nicht in den Himmel gewachsen. In Sachsen-Anhalt war ihr Wahlergebnis mit mehr als 24 Prozent deutlich besser. Aber was die Feier der neuen Kraft im Schweriner Landtag so besonders ausgelassen machte, war der Sieg über die CDU. Der Erfolg der AfD über Merkels Partei war eine deutschlandweite Premiere, und er fiel unerwartet deutlich aus. Die AfD war ausdrücklich gegen Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik angetreten. Das schlug auf die CDU durch, gehört die Kanzlerin doch zum Landesverband und hat in Vorpommern ihren Wahlkreis.

          Sogar drei Wahlkreise im südlichen Vorpommern konnte die AfD der CDU abjagen. Die AfD wurde aus dem Stand stärkste Oppositionskraft, marginalisierte die Linkspartei und warf die NPD aus dem Landtag, deren Wähler scharenweise zur rechtspopulistischen Konkurrenz überliefen.

          Spannend wird nun, wie die AfD unter ihrem freundlichen Fraktionsvorsitzenden Leif-Erik Holm im Landtag auftritt – und wie sich die anderen drei Parteien, SPD, CDU und Linkspartei, zu ihr stellen.

          Das Ergebnis für die CDU deutlich unter 20 Prozent ist bitter und auch ein bisschen ungerecht. Denn die CDU hat in der Koalition mit der SPD einiges erreicht und ihren Beitrag zum Aufschwung des Landes geleistet. Das wurde nicht honoriert.

          Überhaupt spielten landespolitische Themen keine Rolle. Sie waren überdeckt von dem Scheinthema Flüchtlinge: Es gibt kaum Flüchtlinge im Land. So sehr das Wahlergebnis ein Anti-Merkel-Ergebnis war, so muss der Landesverband auch selbstkritisch sein. So sehr die Partei zusammenhält, ja geradezu als eine verschworene Gemeinschaft erscheint, ist ihre Außenwirkung nicht attraktiv. Das hat auch mit dem Spitzenkandidaten Lorenz Caffier, dem Innenminister zu tun, seinem Alter, seinem sächsischen Dialekt, seiner Fehlbesetzung als angriffslustiger Wahlkämpfer.

           Die CDU muss nun entscheiden, ob sie gleich einen Neuanfang wagt oder diesen Neuanfang bis zur nächsten Wahl, wenn sowieso jüngere Politiker antreten müssen, aufschiebt. Es sieht nach letzterem aus.

          Für die Linkspartei ist das Ergebnis so demütigend wie erklärbar. Sie hat als Sammelbecken für Protestwähler aller Art ausgedient. Sie ist reduziert auf das Wählerpotential, das sie ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der DDR noch besitzt. Ihr fehlt es an Attraktivität für weitere Wähler. Für den Spitzenkandidaten Helmut Holter gilt, was auch für Caffier von der CDU gilt: Eigentlich müssten sie nach solchen Verlusten abtreten – aber wer soll es dann machen?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Putin am Montag zu Besuch beim saudischen König Salman in Riad.

          Russland und die Kurden : Syrien ist jetzt Putins Spielfeld

          Russlands Präsident ist die Spinne im Netz der Konflikte des Nahen Ostens. Sein Triumph hat auch damit zu tun, dass die Amerikaner ihn in Syrien lange Zeit gewähren ließen.
          Sogenannte Fußballfans in Bulgarien, einem „der tolerantesten Länder der Welt“?

          Gegen den Hass : Die Strafen müssen weh tun

          Im Fußball hat sich ein Klima entwickelt, in dem sich Rassisten und Nazis ungeniert ausleben. Sanktionen schlugen bislang fehl. Ohne Punktabzüge und Disqualifikationen wird es nicht gehen. Aber selbst das reicht nicht.
          Wer zu den Besten in der Forschung gehören möchte, muss sich den Platz hart erkämpfen. Auch in Deutschland gibt es hierfür inzwischen Graduiertenschulen, die die Promovierenden unterstützen.

          Spitzenforschung : Wo die Promotion zur Selektion wird

          Amerikas Dominanz in der Spitzenforschung hat auch die hiesige Nachwuchsförderung kräftig umgekrempelt. Wer oben mitspielen will, muss an eine Graduiertenschule und sich von dort aus die begehrten Plätze erkämpfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.