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Erinnerungen : Die Bändigung des Papstrummels

  • -Aktualisiert am

Vorboten des Papst-Besuches: Kreuze, soweit das Auge reicht Bild: dpa

Bei seinem Besuch in Deutschland kehrt der Papst für einen Tag an seine biographischen Wurzeln zurück. Albert Schäffer war zwischen medialer und touristischer Springflut auf den Spuren der Kindheit Benedikts XVI..

          Zumindest für einen Tag wird es zum „Benediktland“ werden - das Land zwischen Inn und Salzach, in dem der Papst seine Kindheit verbracht hat. Ein mehrstündiger Aufenthalt in Altötting, eine kurze Visite in seinem Geburtsort Marktl am Inn, dann wird Benedikts XVI. Rückkehr zu seinen biographischen Wurzeln schon wieder beendet sein. Doch zumindest ein Hauch der Geschichte wird auch durch die anderen Orte der Region wehen, in denen der Gendarmensohn Joseph Ratzinger aufgewachsen ist - dafür werden schon die Marketing-Fachleute sorgen, die sich jeder Facette seiner Biographie bemächtigt haben.

          Unmittelbar nach der Papstwahl war Marktl, der Geburtsort Benedikts, bis in die kleinste Nebenstraße zugeparkt gewesen mit Übertragungswagen. Journalistische Höchstleistungen mußten vollbracht werden, hat Joseph Ratzinger doch nur zwei Jahre (1927 bis 1929) in dem Ort verbracht. Allein mit Bildern des Beckens, über dem der Säugling am 16. April 1927 getauft wurde, und des Geburtshauses ließen sich weder die gängigen Sendeformate noch Zeitungsspalten füllen. Mehr und mehr rückten deshalb die Marktler in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, genauer gesagt ihre bescheidenen merkantilen Anstrengungen mit Kreationen wie „Papst-Törtchen“, wahlweise mit Schoko- oder Cappuccinocreme, und „Papst-Mützen“ aus Hefeteig mit Rosinen.

          „Mediamarktl, der Geburtsort des Papstes“

          Was an Wallfahrtsorten als Ausbund der Harmlosigkeit belächelt wird - etwa Plastikflaschen für Weihwasser mit abschraubbaren Marienköpfen -, wird seither den Marktlern als neoliberales Neuheidentum angekreidet. Kabarettistische Möglichkeiten, die der Name Marktl eröffnet - „Mediamarktl, der Geburtsort des Papstes“ -, schürten die Aufgeregtheit auch in bischöflichen Beratungszimmern. Es fehlte nicht viel, und Marktl wäre bei der Planung der Papstvisite als Buße für angebliche Vermarktungssünden aus dem Programm gestrichen worden.

          Wer sich jetzt in Marktl umsieht, wird freilich nichts entdecken, woran sich solche Bestrafungsphantasien entzünden könnten - zumal Bürgermeister Hubert Gschwendtner durch diskrete Gespräche dafür gesorgt hat, daß manche Marketingideen in die Schublade wanderten. Besucher stoßen auf das übliche Sortiment des Devotionalienhandels, nicht anziehender und nicht abstoßender als an anderen vergleichbaren Orten; wer sich unbedingt eine besondere spirituelle Bindung zum Papst von einem miniaturisierten Weißbierglas mit seinem Bild verspricht, kann es in Marktl erstehen. Ein Rummelplatz der Geschmacklosigkeiten ist der Ort mit seinen 2700 Einwohnern aber nicht geworden, obwohl auf die mediale eine touristische Springflut gefolgt ist.

          Etwa 150.000 Gäste seit der Papstwahl

          Wurden bis zur Papstwahl zweitausend Gäste im Jahr gezählt, angelockt durch die Radwege am Inn, lauten vorsichtige Schätzungen für die Zeit danach auf 150.000 bis 160.000 - mit einem hohen Anteil ausländischer Besucher. Gschwendtner, von Beruf Lehrer, versieht die Aufgaben des Bürgermeisters ehrenamtlich; andere an seiner Stelle hätten sich unter Hinweis auf das Verursacherprinzip nach Asylmöglichkeiten im Vatikan erkundigt. Ein Besucherzentrum, ein Busparkplatz, eine zweisprachige Beschilderung, ein mehrsprachiger Internetauftritt - in Windeseile mußte ein zeitgenössisches Tourismuspaket geschnürt werden, mißtrauisch beäugt von Experten in Fragen der Scheidung von Wahrem und Falschem.

          Sie können beruhigt nach Marktl reisen. Es führt keine Kleinbahn namens „Benedikt-Express“ von der Kirche St. Oswald, in der das Taufbecken steht, zu seinem Geburtshaus, das von einer kirchlichen Stiftung erworben wurde und dessen Fassade termingerecht zum Papstbesuch restauriert ist. Es gibt kein allabendliches Spektakel „Son et Lumière“ auf dem Marktler Sportplatz, in der die päpstlichen Babyjahre in Ton- und Lichteffekte umgesetzt werden. Es wurde kein Musical-Theater errichtet, in dem der junge Ratzinger zusammen mit Mozart und Ludwig II. eine Wallfahrt nach Altötting unternähme.

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