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Erfundene Vergewaltigung : Es muss doch was passiert sein

  • -Aktualisiert am

Sergej Lawrow, russischer Außenminister Bild: dpa

Die Polizei in Berlin hat klargestellt: Die Geschichte eines russlanddeutschen Mädchens, das angeblich von arabischen Männern vergewaltigt worden war, ist frei erfunden. Trotzdem übt die russische Regierung weiter Kritik an den deutschen Behörden.

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          Am Freitag gab es an Berlins Schulen Zeugnisse. Doch das 13 Jahre alte Mädchen aus Marzahn-Hellersdorf, das in diesen Tagen zu trauriger Berühmtheit gelangt war, hat seinen Schulstress offenbar schon vor zwei Wochen verarbeitet. Die Gymnasiastin übernachtete bei einem Bekannten, weil es sich nicht nach Hause traute, und erzählte ihren Eltern, die sie als vermisst gemeldet hatten, sie sei von arabischen Männern entführt und vergewaltigt worden. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag mit. 30 Stunden lang galt das Mädchen als vermisst, dann wurde sie von der Polizei vernommen und untersucht – und der Fall wurde von der Polizei knapp kommentiert: Keine Entführung, keine Vergewaltigung – der Rest sei geschützt durch Persönlichkeitsrecht des Kindes.

          Der Fall der jungen Russlanddeutschen, der in der Stadt Berlin von brutalen Arabern angeblich so übel mitgespielt wurde, machte rasch die Runde in der russlanddeutschen Gemeinde in Berlins Nordosten und in den sozialen Netzwerken. Die NPD nutzte den vermeintlich gleichgültigen Umgang des deutschen Establishments mit einer vermeintlichen Entführung, russische Medien delektierten sich ausgiebig daran, und auch der russische Außenminister mochte nicht abseits stehen. Sergej Lawrow kommentierte am Dienstag in Moskau, was in Berlin für Befremden sorgte: „Es ist klar, dass das Mädchen sicher nicht freiwillig für 30 Stunden verschwand“. Seiner Ansicht nach verheimlichten deutsche Behörden den Fall. Das wiesen deren Sprecher zurück; Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) mahnte Russland, den Fall nicht zur „politischen Propaganda“ zu nutzen. Am vergangenen Sonntag gab es eine Demonstration vor dem Bundeskanzleramt, angemeldet vom „Konvent der Russlanddeutschen“, bei der unter anderem gefordert wurde: „Merkel muss weg“.

          „Staatsanwaltschaft und Polizei haben sich von dem Druck der letzten Tage nicht beirren lassen, sondern sorgfältig und beharrlich ihre Arbeit gemacht“, lobte Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) am Freitag, als die neue Wendung im Fall des angeblich entführten Mädchens bekannt wurde. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft teilte mit, sie habe Probleme in der Schule gehabt, sich nicht nach Hause getraut, und habe bei einem 19 Jahre alten Bekannten Unterschlupf gesucht. Die Polizei habe Sachen von ihr bei dem Mann gefunden, der den Beamten bestätigt habe, dass das Kind in der fraglichen Nacht vom 11. auf den 12. Januar bei ihm übernachtet habe. Sex hätten die beiden nicht gehabt, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft: „Es gibt keine Hinweise auf Sexualstraftaten in dem Zusammenhang“. Der Mann gilt bei den Behörden als Zeuge. Henkel sagte: „Ich verwahre mich auch in künftigen Fällen gegen jeden Versuch der Einflussnahme und werbe für Vertrauen in die Arbeit der Ermittler.“

          Innerhalb der russlanddeutschen Gemeinschaft in Marzahn-Hellersdorf übernahmen viele, animiert durch die ungeprüfte Übernahme der Geschichte in den sozialen Medien und in politisch interessierten Kreisen, die Version des Mädchens. Es habe schließlich blaue Flecken, da müsse doch etwas passiert sein. Doch durch die Auswertung ihres Handys ergaben sich andere Hinweise: Gegen zwei andere Bekannte des Mädchens ermittelt die Polizei seit einigen Tagen wegen des Verdachts des sexuellen Kindesmissbrauchs. Mit diesen Männern hatte das Kind offenbar geraume Zeit vor dem Verschwinden Sex gehabt. Weil das Mädchen erst 13 Jahre alt ist, gelten auch einvernehmliche sexuelle Kontakte mit ihr als Kindesmissbrauch.

          Eine Sprecherin des russischen Außenministeriums kündigte am Freitag ein Telefonat Lawrows mit Steinmeier an: Laut der Agentur Interfax sagte sie, Russland habe lediglich auf das „Fehlen einer transparenten Position und auf Versuche, alles zu verschleiern und so zu tun, als sei nichts passiert“ reagiert. Die Sprecherin sagte, nun gebe es eine „Jagd auf russische Journalisten“, die „im Rahmen der Meinungsfreiheit“ über den Fall berichteten. Wenn die deutschen Behörden von Beginn deutliche Kommentare abgegeben hätten, hätte die Öffentlichkeit auf der Straße nicht Gerechtigkeit fordern müssen. Die Polizei hatte auf Nachfragen immer unmissverständlich erklärt: „Es gab keine Entführung. Es gab keine Vergewaltigung“. Der Leiter des Berliner Verfassungsschutzes, Bernd Palenda, beobachtete, es versuchten Rechtsextremisten, den Fall des Mädchens zu nutzen, um eine „Destabilisierung der Situation herbeizuführen“.

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