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Erdbeben in Italien : Helden und Chaoten

Glück im Unglück: Am Ostersamstag in L'Aquila Bild: dpa

Nach dem Erdbeben von L'Aquila offenbaren sich die zwei Gesichter Italiens: ein heroisches und ein chaotisches. Wenn es um die Geschicke dieses Landes geht, zeigen sich die beiden Gesichter oft gleichzeitig. Denn für viele Italiener schafft das Chaos erst den Raum, schöpferisch und spontan zu sein.

          Nach dem Erdbeben in den Abruzzen ist der alte Mythos von den zwei Italien aufgelebt. Er handelt von einem Land im Süden Europas, das zwei Gesichter hat, ein heroisches und ein chaotisches.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn es um die Geschicke dieses Landes geht, auch das gehört zum Mythos, zeigen sich die beiden Gesichter oft gleichzeitig. Und manchmal vereinen sie sich in jenem Mann, der die Geschicke des Landes lenken soll.

          Mehr als 290 Tote und 40.000 Obdachlose

          Im Fall des Erdbebens von L'Aquila, der Katastrophe vom Montag mit mehr als 290 Toten und fast 40.000 obdachlos Gewordenen, offenbart Italien für viele Beobachter, besonders für die italienischen, in erster Linie sein heroisches Gesicht.

          Ostern unter Obdachlosen: L'Aquila am Ostersonntag

          8500 Helden helfen, Tote aus den Trümmern der Provinzhauptstadt und der umliegenden Dörfer zu bergen. Die Helfer sorgen auch für seltene Wunder, die ein wenig Trost spenden: das von der Alten, die sich in ihrem verschütteten Bett die Wartezeit mit Häkeln vertrieb; das von der 21 Jahre jungen Eleonora, die 48 Stunden unter Trümmern überlebte.

          Andere Helden errichten blaue Zeltstädte, in denen 18.000 Menschen unterkommen; weitere 10.000 Opfer ziehen in Hotels an die Adria. Im Küstenort Pescara schöpfen Studentinnen bei der Caritas Fusilli-Nudeln und Hackfleischsoße auf Plastikteller, nicht für die Clochards, die sich ihre Rationen später abholen, sondern für die Menschen aus den Abruzzen. Die Schriftstellerin Dacia Maraini verkündet: „Unser Land gibt das Beste von sich in Augenblicken der Gefahr.“

          Chaos schon beim Bau der eingestürzten Häuser

          Aber auch das chaotische Gesicht des Landes zeigt sich in den Tagen nach dem Beben. Die Feuerwehr muss mit zum Teil mehr als zwanzig Jahre alten Einsatzwagen ausrücken, die schon einmal auf der Autobahn liegen bleiben. Helfer, die aus Friaul im Nordosten angereist sind, stehen stundenlang nutzlos herum, weil ihnen niemand Aufgaben zuweist.

          Und es wird klar, dass viele neuere Häuser eingestürzt sein könnten, weil beim Bau Chaos geherrscht hat. In Japan oder Kalifornien, heißt es jetzt, wäre ein Beben der Stärke 6,3 fast ohne Folgen geblieben. Bau- oder Schwarzarbeiter - mit Blick auf italienische Baustellen sind die Begriffe fast synonym - pfuschen bei der Montage, panschen beim Zementmischen. Viele Häuser in Italien haben keine Baugenehmigung oder eine völlig veraltete, weil der Bau oft Jahrzehnte dauert.

          Für viele Kritiker zeigt sich das italienische Dilemma hier besonders deutlich: Es gibt seit 2005 gewissenhafte Vorgaben, wie Häuser erdbebensicher zu machen sind; es gibt auch eine Farbkarte, auf der jene Risikozonen säuberlich verzeichnet sind, die sich um ihre Bausubstanz besonders zu kümmern haben. Aber dass bestehende Rechtsnormen nicht angewendet werden, ist üblich.

          Chaos schafft Raum für Spontanität

          „Das ist Italien“, sagen Italiener zu diesem Thema gerne mit einem Lächeln, das ein wenig Verzweiflung über das Chaos verrät, aber auch den Stolz auf eben beide Gesichter ihres Landes. Für sie schafft das Chaos Raum, schöpferisch und spontan zu sein. Etwas davon schwingt mit, als ein Zeitungskommentator in dieser Woche triumphiert, in „mehr auf Planung ausgerichteten Ländern“ hätte die Hilfe nicht so schnell funktioniert. Der Kommentar lobt auch den Mann, der derzeit die Geschicke Italiens in Händen hält. In ihm zeigen sich kreatives Chaos und unternehmerisches Heldentum im Extrem.

          Ministerpräsident Silvio Berlusconi fliegt unmittelbar nach der Katastrophe im Hubschrauber über das Erdbebengebiet, setzt sich an den folgenden Tagen einen Schutzhelm auf, marschiert stundenlang durch Trümmer und Zeltstädte, streichelt Gesichter, klopft auf Schultern.

          Er kündigt ein Dekret zum Zweck finanzieller Soforthilfen an, geht hart gegen Plünderer vor und entwirft mit einem englischen Terminus die Utopie einer „new town“, eines neuen L'Aquila, das nicht auf den Trümmern des alten entstehen solle, sondern abseits der zerstörten Stadt.

          Chaos gepaart mit Witz

          Angesichts solcher italienischer Willenskraft gehen die Hilfen fremder Mächte in der Nachrichtenflut fast unter: dass die amerikanische Popsängerin Madonna, deren Großeltern aus den Abruzzen stammen, eine ordentliche Summe spendet; dass es da einen EU-Solidaritätsfonds gibt; dass nach Ostern der Papst kommt.

          Berlusconi aber verharrt nicht in der Pose des Machers, sondern gibt einen Schuss Chaos zu, indem er zum Mittel des Scherzes greift, zur flapsigen Bemerkung. Sein Ziel ist, die Opfer aufzuheitern, aber die Aufforderung, das Leben in der Zeltstadt wie ein paar Tage Camping und somit als Event zu begreifen, verletzt Menschen, die Angehörige verloren haben.

          In Berlusconis Handeln offenbart sich auch, dass sich oft erst das heldenhafte Gesicht zeigt und sich kaum später die Fratze des Chaos offenbart, weil ein Held die praktischen Folgen seiner Ideen nicht bedacht hat. Berlusconi schickt noch Menschen auf Staatskosten ans Meer, als die Caritas längst warnt, dass die Pasta-Vorräte nur noch wenige Tage reichen werden.

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