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Entschädigungen : Rechtsfrieden nicht in Sicht

Wegen des gespannten Verhältnisses zwischen Deutschland und Amerika fürchten deutsche Unternehmen neue oder wiederauflebende amerikanische Klagen, die in Zusammenhang mit nationalsozialistischem Unrecht stehen.

          Wegen des gespannten politischen Verhältnisses zwischen Deutschland und Amerika fürchten deutsche Unternehmen in wachsendem Maße neue oder wiederauflebende amerikanische Klagen, die in Zusammenhang mit nationalsozialistischem Unrecht stehen. Am Donnerstag wird das Bezirksgericht in Newark, New Jersey, über eine Schadenersatzklage der amerikanischen Wertheim-Erben gegen den Essener Konzern Karstadt-Quelle entscheiden, zu dem die Wertheim-Kaufhäuser seit einem Jahrzehnt gehören. Ließe das Gericht die Millionenklage zu, könnte diese Entscheidung zu einem Präzedenzfall für weitere Verfahren werden. Die Rechtssicherheit für deutsche Unternehmen in den Vereinigten Staaten, die diese im Gegenzug für die späte Entschädigung von Zwangsarbeitern vor drei Jahren zu erreichen suchten, rückte dann in weitere Ferne denn je.

          Kerstin Schwenn

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Die Regierungen der Vereinigten Staaten und Deutschlands hatten im Sommer 2000 ein Abkommen geschlossen, das deutschen Unternehmen Rechtsfrieden vor Klagen in Amerika zusicherte. Zuvor hatten die deutschen Unternehmen und die Bundesregierung, die auf deutscher Seite von dem Regierungsbeauftragten Otto Graf Lambsdorff und von dem amerikanischen Finanzstaatssekretär Stuart E. Eizenstat geleitet wurden, jeweils gut 2,5 Milliarden Euro in den Stiftungsfonds "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" eingezahlt, mit dem vor allem ehemalige Zwangsarbeiter entschädigt, aber auch Vermögensschäden von Opfern des Nationalsozialismus ausgeglichen werden. Doch der "dauerhafte und umfassende Rechtsfrieden" ist weiterhin Gegenstand gerichtlicher Auseinandersetzungen und politischer Konsultationen zwischen beiden Staaten.

          In dem Wertheim-Fall geht es zum einen um einen Vergleich aus dem Jahr 1951. Die Wertheim-Nachkommen halten es für belegt, daß die Vertragspartner der jüdischen, nach Amerika ausgewanderten Wertheim-Erben Günther und Fritz, nämlich der Wertheim-Justitiar Arthur Lindgens und der Deutsche-Bank-Vorstand Emil Georg Stauß, damals auf betrügerische Weise an elf Prozent Anteile an dem Unternehmen gekommen seien. Diese Anteile hatten Günther und Fritz bis zum Verkauf an ein von Lindgens und Stauß verwaltetes "arisches Konsortium" im Jahr 1938 gehalten; nach dem Krieg forderten sie die Anteile zurückerhalten. Lindgens und Stauß benötigten 1951 die Anteile, um die Unternehmensmehrheit an den Hertie-Konzern veräußern zu können. Sie zahlten den emigrierten Erben nach deren Verzichtserklärung 40 000 Mark.

          Günther Wertheims Tochter Barbara Principe, die ihren Geburtsnamen in "Wortham" geändert hat, und ihr Cousin Martin G. Wortham wollen sich damit nicht zufriedengeben. Angeblich streben sie eine Entschädigung von mehreren hundert Millionen Dollar an - für Karstadt-Quelle und seine Aktionäre ein erhebliches finanzielles Risiko. Der Anwalt der Wertheim-Erben kündigte am Wochenende an, in diesen Tagen noch eine Klage des deutschen Zweigs der Wertheim-Familie einreichen zu wollen, für die die Zwangsarbeiter-Regelungen nicht gälten.

          Außer um den Verkauf der Anteile im Jahr 1951 geht es in dem komplizierten Fall auch um die Erlösauskehr für einst enteignete Ostliegenschaften, über die das Bundesfinanzministerium noch mit der Jewish Claims Conference verhandelt, sowie um ein Grundstück am Lenné-Dreieck in der Berliner Mitte, das Karstadt-Quelle vor einigen Jahren an den Metro-Gründer Otto Beisheim verkauft hat und auf dem derzeit das Beisheim-Center errichtet wird. Allein beim Lenné-Grundstück habe sich der Essener Konzern um mehr als 120 Millionen Euro bereichert, sagen die Anwälte der Wertheim-Erben. In diesem Zusammenhang erscheint es heikel, daß das Gutachten einer amerikanischen Anwaltskanzlei, das eine neue Auseinandersetzung mit dem Wertheim-Fall verlangt, ausgerechnet aus der Feder von Eizenstat stammt.

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