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Entführung im Irak : Steinmeier: Noch keine Fortschritte im Fall Osthoff

  • Aktualisiert am

Einsatz als Krisenmanager: Außenminister Steinmeier Bild: AP

Sechs Tage nach ihrer Entführung hat Berlin keine Erkenntnisse über den Zustand Susanne Osthoffs und ihres irakischen Fahrers sowie über Motive und Identität der Täter. Der irakische Präsident Talabani will die Geiseln „so schnell wie möglich aus der Gewalt der Extremisten befreien“.

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          Im Fall der im Irak entführten Deutschen Susanne Osthoff gibt es auch knapp eine Woche nach ihrem Verschwinden noch keine Fortschritte. Dies teilte Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) am Donnerstag in Berlin mit.

          Man habe weiterhin keine Erkenntnisse über den Gesundheitszustand Osthoffs und ihres irakischen Fahrers sowie über die genauen Motive und die Identität der Täter. Ob die Entführung einen politischen, religiösen oder rein kriminellen Hintergrund habe, sei unklar, sagte Steinmeier. Auch das von den Kidnappern verbreitete Video liefere keine „belastbaren Erkenntnisse“ über die Täter.

          Nach Angaben Steinmeiers stehen der Krisenstab und die deutschen Sicherheitsbehörden in engem Kontakt mit ihren Kollegen in Frankreich und Italien, die über Erfahrung bei der Lösung solcher Geiselnahmen im Irak verfügen. Der Außenminister sagte, man werde in dem Fall mit „Augenmaß und Sensibilität“ vorgehen.

          Susanne Osthoff

          Talabani will Susanne Osthoff „befreien“

          Der irakische Präsident Dschalal Talabani hat die Entführung der 43 Jahre alten Archäologin als „terroristischen Akt“ verurteilt. Er habe sich persönlich der Angelegenheit angenommen und stehe in ständigem Kontakt mit den irakischen Sicherheitsbehörden, sagte Talabani der „Neuen Osnabrücker Zeitung“.

          „Wir wollen so schnell wie möglich herausfinden, wo sie sich aufhält, um sie aus der Gewalt der Extremisten zu befreien.“ Sein Land werde mit der deutschen Regierung „in jeder erdenklichen Form zusammenarbeiten, um Susanne Osthoff aus der Geiselhaft zu befreien“.

          „Kriminalität gegen unschuldige Zivilisten“

          Die Geiselnahme enthülle das wahre Gesicht des Terrors, sagte Talabani. Deutschland habe weder am Krieg teilgenommen noch handle es sich bei der Geisel um eine Militärangehörige. „Susanne Osthoff ist eine Zivilistin. Dennoch haben die Terroristen sie entführt.“ Die Extremisten verfolgten nur das Ziel, den Wiederaufbau des Landes und dessen Demokratisierung zu verhindern, denn es handele sich nicht um „Widerstand gegen Koalitionskräfte“, sondern um Kriminalität gegen unschuldige Zivilisten und gegen den Frieden im Irak, sagte der Präsident.

          Deswegen brauche das Land internationale Unterstützung, „um die Sicherheitskräfte weiter zu verstärken, damit solche schrecklichen Verbrechen in Zukunft unterbunden werden können und die junge Demokratie in meinem Land ein Erfolg wird“.

          Entführer keine „typischen Terroristen“?

          Auch deutsche Sicherheitsexperten zweifeln daran, daß es sich bei den Entführern um islamistische Terroristen handelt. Das der ARD übermittelte Video sei völlig untypisch für ein Bekennervideo von Extremisten, heißt es.

          Nach zwei Tagen Prüfung hätten Sicherheitsexperten das Band als „improvisiert“ und „eher schlicht“ charakterisiert. Es könne deshalb sein, daß es sich bei den Entführern Frau Osthoffs um Gelegenheitstäter handele, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“.

          „Relativ kurz“ befristetes Ultimatum

          In dem Video hatten die Geiselnehmer von der Bundesregierung verlangt, die Zusammenarbeit mit der irakischen Regierung einzustellen. Anderenfalls würden die Geiseln getötet. Dazu soll es nach ARD-Angaben ein Ultimatum geben, das zeitlich „relativ kurz“ befristet sei. Zu Einzelheiten einer möglichen Kontaktaufnahme zu den Geiselnehmern wollte das Auswärtige Amt unter Verweis auf die „Interessen der Betroffenen“ keine Auskunft geben.

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Mittwoch während ihrer ersten Regierungserklärung im Bundestag die politischen Forderungen der Entführer zurückgewiesen und bekräftigt, man lasse sich „nicht erpressen“. Alle Anstrengungen seien jedoch darauf gerichtet, das Leben der Entführten zu schützen und sie zu befreien, sagte Merkel.

          Bundeswehr setzt Ausbildung von Irakern fort

          Der Chef des Deutschen Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, rechnet auch nach der Entführung von Osthoff damit, daß deutsche Soldaten weiterhin irakischer Sicherheitskräfte ausbilden werden. „Für die Soldaten ist klar, daß sich die Bundesregierung nicht erpressen lassen darf und erpressen lassen kann“, sagte Gertz am Donnerstag in der ARD. Die Soldaten gingen davon aus, ihren Auftrag zu Ende zu führen.

          Die Ausbildung der irakischen Sicherheitskräfte durch die Bundeswehr findet in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt. Gertz sagte, 94 deutsche Soldaten schulten dort irakische Pionierkräfte zum Beispiel bei der Beseitigung von Kampfmitteln. Da es derzeit „keinen sicheren Platz“ im Nahen Osten gebe, gebe es immer Risiken. Diese Gefährdungsstufe sei den Soldaten bekannt.

          (Siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Entführungsfall Osthoff)

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