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Entführte Deutsche im Irak : Steinmeier bestürzt - Neues Video offenbar echt

  • Aktualisiert am

Steinmeier hofft weiter auf den Krisenstab Bild: REUTERS

„Schockierend“ und „unmenschlich“ nennt Außenminister Steinmeier das neue Video der irakischen Entführer. Experten halten die Aufnahme für authentisch, vermuten aber, dass es sich nicht um politisch motivierte Geiselnehmer handelt.

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          Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat sich betroffen über das Video mit den beiden deutschen Geiseln im Irak geäußert. „Das Video ist schockierend, unmenschlich“, sagte er am Dienstagabend in Berlin. Er sei „unverändert in großer Sorge um das Schicksal der im Irak entführten Deutschen“. Er gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass durch die Bemühungen des Krisenstabes im Auswärtigen Amt eine Freilassung gelinge.

          In Berlin wird das in der Nacht zum Dienstag bekannt gewordene zweite Videoband der irakischen Entführer der Deutschen Hannelore K. und ihres Sohnes indes für authentisch gehalten. Die Aufnahme sei von hoher technischer Qualität und ähnele in Aufmachung und Botschaft der ersten Nachricht der Entführer, heißt es aus dem Geheimdienst. Der Frage des Aufnahmedatums müsse ebenso noch nachgegangen werden, wie der nach dem Übermittlungsweg, hieß es. Unklar blieb weiterhin der Hintergrund der Geiselnahme. Am Dienstag hielt man sich mit Einschätzungen zum Hintergrund der Entführung zurück. Bei Sicherheitsbehörden war zuvor immer wieder von einer politischen Motivation die Rede, während andere Irak-Kenner Kriminelle am Werk sehen.

          Die jüngste Aufzeichnung zeigt die verzweifelt auf dem Fußboden kauernden Geiseln, die Frau eines irakischen Arztes und ihren 20 Jahre alten Sohn. Die 61 Jahre alte Hannelore K. fleht dabei die deutsche und die österreichische Regierung an, ihr und ihrem Sohn Sinan zu helfen und den Forderungen der Geiselnehmer nachzugeben. „Deutschland war in Sicherheit, bevor es sich mit den Amerikanern zu dieser teuflischen Koalition gegen den sogenannten Terrorismus zusammengeschlossen hat“, sagte sie. „Ich werde das erste Opfer sein, wenn ihr nicht auf die Forderungen dieser Männer eingeht.“

          „Ich werde das erste Opfer sein”: Hannelore K. mit ihrem Sohn
          „Ich werde das erste Opfer sein”: Hannelore K. mit ihrem Sohn : Bild: picture-alliance/ dpa

          „Absurde Forderungen, die nicht zu erfüllen sind“

          Die Geiselnehmer setzten der Bundesregierung abermals eine zehntägige Frist, mit dem Truppenabzug aus Afghanistan zu beginnen. Ihre Angehörigen bat die verängstigte Frau: „Vielleicht könnt ihr zu den Zeitungen gehen, vielleicht könnt ihr einen Protestmarsch organisieren.“ Wenig später beginnen sie und ihr Sohn zu schluchzen.

          Guido Steinberg, Irak-Fachmann bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, neigt der Auffassung zu, dass die beiden in die Hände von Kriminellen geraten sind. Dafür spricht nach seiner Ansicht, dass sie mit dem Abzug aus Afghanistan „absurde Forderungen stellen, die in Bagdad nicht zu erfüllen sind“. Schon der Name der Organisation der Entführer erwecke den Eindruck, dass er - wie auch ihr Logo - erst kurz vor der Tat erfunden worden sei, bei der jedoch nicht politische Gründe im Vordergrund standen. Mit der zweiten Videobotschaft und der verlängerten Frist versuchten die Entführer nochmals, Kontakt aufzunehmen, vermutet Steinberg. Die Geiselnehmer seien wohl bereit, den Fall finanziell zu lösen.

          Die „Stimme des Kalifats“ droht

          Das sei beruhigend, während Anlass zur Beunruhigung gebe, dass die Kontaktaufnahme offenbar schwierig sei. Im Unterschied zu den früheren Entführungsfällen schränke die laufende amerikanisch-irakische Sicherheitsoffensive in Bagdad und Umgebung die Bewegungsmöglichkeiten für Geiselnehmer wie Vermittler ein, etwa um zur deutschen Botschaft vorzudringen. Die Tatsache, dass die Geiseln auf dem Video auch Österreich erwähnen, wertet Steinberg als einen Hinweis darauf, dass die Täter die Debatte in den internationalen Medien genau verfolgen und sich auf frühere Drohungen gegen Österreich (und Deutschland) im Internet beziehen.

          Zusammen mit dem ersten Erpresservideo Anfang März, in dem die Bundesregierung aufgefordert wird, die deutschen Soldaten bis zum 20. März aus Afghanistan abzuziehen, wurde im Internet auch eine „Nachricht an die Regierungen von Deutschland und Österreich“ verbreitet. In ihr drohten Extremisten beiden Staaten mit Terroranschlägen, sollten sie ihren Einsatz in Afghanistan nicht beenden. Sonst werde Deutschland auch „Gefahren in seinem Land erleben“, drohte die „Stimme des Kalifats“.

          „Kein primäres Terrorziel“

          In Wien nimmt man die jüngsten Drohungen der Entführer ebenso ernst wie die generelle Bedrohung durch islamistischen Terrorismus selbst. Dennoch versichern Bundeskanzler Gusenbauer (SPÖ) und Innenminister Platter (ÖVP), Österreich sei „kein primäres Terrorziel“. Beide stützen sich auf den Befund der ranghöchsten Beamten des Außen-, des Innen- und des Verteidigungsministeriums, die schon unmittelbar nach der ersten Anschlagsdrohung gegen Deutschland und Österreich zu dem Schluss gekommen waren, es sei „nicht sinnvoll, unmittelbare Maßnahmen zu ergreifen“.

          FPÖ-Chef Strache hingegen kritisierte die Regierung ob der „Verharmlosung“: Österreich sei zur „Zielscheibe islamistischer Extremisten“ geworden, „die auf Kriegsfuß sind mit unserer Kultur“, sagte er und bekräftigte seine Forderung nach Abzug des aus nur fünf Stabsoffizieren des Bundesheeres bestehenden österreichischen ISAF-Kontingents aus Afghanistan. Das lehnten sowohl Verteidigungsminister Darabos (SPÖ), als auch sein Vorgänger Platter ab. Gleichwohl sind die Offiziere angewiesen worden, „sich nunmehr ausschließlich in ihrem Arbeits- und Unterkunftsbereich aufzuhalten“. Die Österreicher befassen sich im Hauptquartier der Isaf hauptsächlich mit Analysen und Planungen.

          Wien hatte sein Kontingent vor den aktuellen Drohungen reduziert, vornehmlich aus Kostengründen: 2002 waren 75 Soldaten - integriert im deutschen Kontingent - im Großraum Kabul präsent; im Herbst 2005 sicherten in der Provinz Kundus 100 österreichische Soldaten für drei Monate den damaligen Wahlgang. Im Irak wird der Österreicher Bert Nußbaumer schon seit 16. November vermisst. Der 25 Jahre alte frühere Soldat wurde zusammen mit vier Amerikanern nahe der Stadt Safwan entführt; sie waren für eine private Sicherheitsfirma als Begleiter eines Konvois tätig. Aus dem Wiener Außenamt hieß es, Nußbaumers Name finde sich auf einer Liste ausländischer Geiseln, welche dieser Tage in Bagdad aufgetaucht sei. Daraus leite man „bei aller Vorsicht“ her, dass er am Leben ist.

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