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Stromtrassen : Die hässliche Seite der Energiewende

Wo es summt und brummt: Astrid Linn und Ewald Hövels kämpfen gegen den Großkonverter. Bild: Schoepal, Edgar

Durch Meerbusch-Osterath nahe Düsseldorf soll demnächst eine von drei geplanten Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen führen. Auch ein Konverter soll dort entstehen. Doch die Bürger wehren sich energisch gegen die Anlage.

          7 Min.

          In Osterath ist die Welt noch weitgehend in Ordnung. Man kennt sich, man hilft sich, man passt aufeinander auf. Beim Schwätzchen im Vorübergehen bringen sich die Leute auf den neuesten Stand der großen und der kleinen Dinge. Das ist es, was den 13000-Seelen-Ort Osterath im Innersten zusammenhält. Aber was Astrid Linn im Herbst erfuhr, brachte sie aus der Fassung. Wie jeden Tag war Astrid Linn mit ihrem Hund auf dem Ingerweg unterwegs, der von ihrer Siedlung auf ein weites Feld führt. Ziemlich verlassen stünde dort das Backsteinhaus von Walter Bruder, wenn es daneben nicht das Umspannwerk mit seinen Schaltanlagen, den vielen grünen Masten und Transformatoren gebe, deren Brummen sich anhört wie ein großer Schwarm Hornissen im Anflug. Die Anlage gibt es zwar schon lange; aber erst in den vergangenen Jahren ist sie stark erweitertet worden. „Weißt du nicht, was sie hier noch vorhaben, Astrid?“, fragte Walter Bruder.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Direkt gegenüber von Bruders Haus, an der Siedlungsgrenze von Osterath, plant der Netzbetreiber Amprion einen sogenannten Konverter, der in einer bis zu 20 Meter hohen und bis zu 20.000 Quadratmeter großen Industriehalle untergebracht werden soll. Gemeinsam mit Nebenanlagen soll der Konverter eine Grundfläche von etwa 14 Fußballfeldern einnehmen. Mit dem rund 300 Millionen Euro teuren Großkonverter würde Osterath zu einem der zentralen Orte der Energiewende in Deutschland. Der Konverter ist ein wichtiger Teil der westlichen der drei großen neuen Stromtrassen, die so schnell wie möglich (aus-)gebaut werden sollen, damit der Ausstieg aus der Atomkraft gelingt und die Energiewende nicht im wahrsten Sinn des Wortes auf der Strecke bleibt.

          Baden-Württemberg bald im Dunkeln?

          Große Mengen elektrischer Energie müssen künftig von den Windparks im Norden durch Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsleitungen in den Südwesten Deutschlands transportiert werden, wenn dort wie geplant Ende 2019 das letzte große Atomkraftwerk - Philippsburg II - vom Netz geht. Die Stromtrasse zwischen Emden in Niedersachsen und dem baden-württembergischen Philippsburg soll nicht nur quer durch Nordrhein-Westfalen führen, sondern in der dichtesten Industrieregion Deutschlands auch einen Knotenpunkt bekommen: den Großkonverter. Mit ihm kann Gleich- in Wechselstrom umgewandelt werden und umgekehrt. In Osterath, einem Stadtteil von Meerbusch in der Nähe von Düsseldorf, wäre es künftig möglich, Strom für die Rhein-Ruhr-Ballung abzuzwacken oder auch elektrische Energie aus den nahe gelegenen Braunkohlekraftwerken einzuspeisen. Schließlich sollen in Baden-Württemberg nicht die Lichter ausgehen, wenn an der Küste Flaute herrscht. Im Namen der Energiewende muss alles ganz schnell gehen - schon 2017 soll der Konverter fertig sein.

          „Als ich die Sache mit dem Großkonverter gehört habe, bin ich erst mal nach Hause gelaufen und war deprimiert“, erinnert sich Frau Linn. „Niemand hat uns darüber informiert. Weder die Bundes-, noch die Landes-, noch die Kommunalpolitiker.“ Tatsächlich zeigt sich am Beispiel Osterath, dass es mit dem Versprechen, die Energiewende werde transparent und im Konsens mit den betroffenen Bürgern vollzogen, nicht immer weit her ist. Als die Übertragungsnetzbetreiber im Mai den Netzentwicklungsplan Strom 2012 veröffentlichten, war ihm nicht zu entnehmen, was eigentlich in Osterath geplant ist.

          Unbekannte Einspruchsfristen

          Erst nach der Sommerpause wurde den meisten Osterathern die Tragweite des Konverter-Projekts klar. Durch Astrid Linn. Anfang Oktober rief sie bei der Bundesnetzagentur an und erfuhr, dass nur noch bis zum 2. November 2012 Einsprüche gegen den Netzentwicklungsplan möglich seien. „Da sagte ich mir: Osterath muss ganz schnell in Bewegung kommen.“ Also gründete Frau Linn zusammen mit ihrem früheren Klassenkameraden Karsten Weigmann am 9. Oktober im Osterather Hof eine Bürgerinitiative. Mehr als 300 besorgte Osterather kamen. An einem Informationsabend Ende Oktober nahmen dann schon 700 Bürger teil. So schnell schwoll der Widerstand an, dass sich auch die Politik positionierte.

          Einstimmig votierte der Meerbuscher Stadtrat gegen den Konverter. Die Bundes- und Landtagsabgeordneten aller Parteien aus der Region solidarisierten sich mit den Bürgern. Der Meerbuscher CDU-Landtagsabgeordnete und frühere nordrhein-westfälische Verkehrsminister Lutz Lienenkämper (CDU) sagte gar ähnlich große Widerstände wie beim Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 voraus.

          Der Präsident kommt persönlich zur Demonstration

          Jedenfalls sind die Osterather ziemlich rührig. Eine Protestdelegation fuhr kürzlich nach Dortmund, um im Foyer der Amprion-Zentrale eine blaue Altpapiertonne aufzustellen - „für die Planungsunterlagen“, wie sie dem Netzbetreiber mitteilte. Auch kamen von den deutschlandweit 3300 Einwendungen gegen den Netzentwicklungsplan Strom rund 2300 aus Osterath und Umgebung. Doch zunächst schien das alles wenig zu nützen. Ende November präsentierten Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Jochen Homann, der Präsident der Bundesnetzagentur, die „finale“ Entwurfsfassung des Netzentwicklungsplans, in dem auch der Knotenpunkt Osterath vorgesehen ist

          Als kleinen Erfolg werten die Konverter-Gegner aber den Hinweis auf Seite 124 des Entwurfs: „Die Bundesnetzagentur versteht die Standortbezeichnung Osterath dabei nicht als gemarkungs- oder grundstücksscharfe Positionsangabe.“ Am 2. Dezember kam der Netzagenturpräsident dann überraschend nach Osterath, um sich bei der bisher größten politischen Demonstration in der Ortsgeschichte den mehr als 900 aufgebrachten Bürgern zu stellen.

          Nur ein paar hundert Meter von einer Einfamilienhaussiedlung entfernt, in der sich Arbeiter und Angestellte in den sechziger und siebziger Jahren ihren bescheidenen Traum vom kleinen Wohnglück verwirklichten, stapfen Astrid Linn und Ewald Hövels durch den Schnee und sprechen über die hässliche Seite der Energiewende. Frau Linn berichtet, dass die Osterather Summgeräusche, Strahlung, den Wertverfall ihrer Immobilien und die Verschandelung der Landschaft befürchteten. Ja, es stimme schon, das Umspannwerk sei ja auch nicht schön. Doch Frau Linn findet, dass die vielen Schaltfelder und Masten schon genügend Belastung sind.

          „Versuchskaninchen der Energiewende“?

          Astrid Linn und Ewald Hövels kennen sich seit der Grundschulzeit. Nur einen Steinwurf entfernt betreibt Hövels mit seiner Familie eine Gärtnerei. Hövels hat sich auf Efeu spezialisiert. Sehr gut läuft derzeit das Geschäft mit Efeu in Herzform, weil ja bald Valentinstag ist. „Eigentlich müsstest du mit Amprion schön ins Geschäft kommen. Die wollen doch ihre Konverterhalle begrünen“, frotzelt Frau Linn. In sein Lachen hinein sagt Hövels, dass sein Efeu auch nichts mehr nützen würde. Nach dem Bau der gigantischen Großindustrieanlage werde man Osterath so oder so nicht wiedererkennen. „Wir wollen nicht die Versuchskaninchen der Energiewende werden.

          Am 19. Dezember hat das Bundeskabinett den Entwurf des Bedarfsplangesetzes für den Netzausbau beschlossen. Bald wird sich das Parlament damit befassen. Noch vor der Bundestagswahl soll das Gesetz verabschiedet werden. Die Konverter-Gegner klagen, dass nicht transparent dargelegt werde, was in Osterath eigentlich geplant ist. „Wogegen soll sich ein Mensch wehren, von dem unbekannt ist, was es ist?“, fragt Karsten Weigmann von der Osterather Bürgerinitiative. „Das ist doch kafkaesk.“

          Es liegt allerdings in der Natur der gesetzlichen Systematik der Netzausbauplanung, dass die Regelungen bisher nur abstrakt sind. Weder existieren derzeit konkrete Trassenverläufe noch genaue Standorte für Nebenanlagen wie den Großkonverter. Das kann erst Schritt für Schritt geschehen, nachdem der Bundestag den Bundesbedarfsplan aufgestellt hat.

          Amprion „noch nicht festgelegt“

          Amprion-Sprecher Marian Rappl sagt, der Eindruck der Bürgerinitiative, dass sein Unternehmen sich auf Osterath als Standort für den Konverter festgelegt habe, sei falsch. Amprion habe noch gar keine Detailplanung. „Wir werden aber mögliche Standorte im Umfeld des bestehenden Umspannwerks in Osterath und auch an anderen Orten prüfen.“ Aus dem nordrhein-westfälischen Wirtschaftsministerium heißt es, es sei „denkbar und rechtlich möglich“, dass der Konverter auch an einem Ort in einem Radius von mehreren Kilometern um Meerbusch-Osterath gebaut werde. Als weiteres Hoffnungszeichen kann die Bürgerinitiative werten, dass sich der Bundesrat am Freitag mit Empfehlungen zum Gesetzgebungsverfahren befassen will. Mit Verweis auf die Bürgerproteste und rechtliche Vorbehalte wird darin auch die Verschiebung des Konverter-Standorts an einen anderen Netzverknüpfungspunkt vorgeschlagen.

          Schon seit einiger Zeit werben Politiker wie der Fraktionsvorsitzende der Grünen im nordrhein-westfälischen Landtag, Reiner Priggen, dafür, den Konverter nicht in Osterath zu bauen. Da Amprion die Stromtrasse durch das rheinische Braunkohlerevier plane, sei es sinnvoll, dort vorhandene großtechnische Standorte zu nutzen. Aber auch im Braunkohlerevier formiert sich Widerstand. Zwar nennt sich Grevenbroich stolz „Bundeshauptstadt der Energie“, denn auf seiner Gemarkung befinden sich die größte zusammenhängende Braunkohlelagerstätte Europas und mehrere Großkraftwerke, deren dampfende Kühltürme man schon von weither sieht, weil sie höher sind als der Kölner Dom. Aber einen Konverter hat der Grevenbroicher Stadtrat im Dezember vorsorglich einstimmig abgelehnt.

          „Ergebnisoffene Suche“

          Der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) sagt, sein Haus sei mit dem Netzbetreiber Amprion und der Bundesnetzagentur im Gespräch über alternative Standorte. „Allerdings ist auch der Standort in Meerbusch-Osterath nicht ausgeschlossen.“ Es gehe um die ergebnisoffene Suche nach der verträglichsten, technisch sinnvollsten und wirtschaftlichsten Lösung. „Dabei helfen weder pauschale Ausschlüsse noch Vorfestlegungen.“ Die westliche Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungstrasse sei ein wichtiger Baustein des Kernenergieausstiegs, „den wir alle 2011 beschlossen haben“, sagt Duin.

          „Daher setze ich mich für die Realisierung der Trasse und der ebenfalls zwingend notwendigen Nebenanlagen wie etwa dem Konverter ein.“ Wenn es nicht gelinge, bis zur endgültigen Abschaltung der Atomkraftwerke in Süddeutschland eine sichere Stromversorgung zu gewährleisten, sei die Versorgungssicherheit im ganzen Land gefährdet. „Das hätte unkalkulierbare Auswirkungen bis in das europäische Verbundnetz hinein“, warnt Duin. Doch der Minister zeigt auch Verständnis für die Bürgerinitiative. „Zu Recht wollen die Bürger vor Ort an der Suche nach dem besten Standort für den Konverter beteiligt werden. Schließlich geht es um ein Projekt in ihrem Wohnumfeld.“

          „Wir haben unser Opfer längst gebracht“

          Ewald Hövels öffnet das Tor zu seiner Gärtnerei und zerrt sein neuestes Transparent hervor. „Kein Doppelkonverter in Osterath“, steht darauf. Hövels plaziert das Transparent so, dass es genau vor dem beeindruckenden Panorama aus Strommasten steht. „Wir haben unser Opfer für die Energiewende hier wirklich schon längst gebracht“, sagt Frau Linn. Amprion müsse sich für den Konverter einen anderen Ort suchen. Mit dem Sankt-Florians-Prinzip habe das wirklich nichts zu tun. „Wir sind auch aus anderen Gründen schon viel zu sehr geplagt“, ergänzt Hövels und deutet auf die Autobahnen 52 und 57. Sie bedecken die Landschaft von Süden und Westen her mit einem dichten Rauschen. Mitten durch die Boverter Felder führt zudem eine Bahnlinie, die auch von Güterzügen stark befahren wird. Und wie bestellt, donnert ein gerade am Düsseldorfer Flughafen gestartetes Flugzeug den Himmel empor.

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