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Stromtrassen : Die hässliche Seite der Energiewende

Einstimmig votierte der Meerbuscher Stadtrat gegen den Konverter. Die Bundes- und Landtagsabgeordneten aller Parteien aus der Region solidarisierten sich mit den Bürgern. Der Meerbuscher CDU-Landtagsabgeordnete und frühere nordrhein-westfälische Verkehrsminister Lutz Lienenkämper (CDU) sagte gar ähnlich große Widerstände wie beim Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 voraus.

Der Präsident kommt persönlich zur Demonstration

Jedenfalls sind die Osterather ziemlich rührig. Eine Protestdelegation fuhr kürzlich nach Dortmund, um im Foyer der Amprion-Zentrale eine blaue Altpapiertonne aufzustellen - „für die Planungsunterlagen“, wie sie dem Netzbetreiber mitteilte. Auch kamen von den deutschlandweit 3300 Einwendungen gegen den Netzentwicklungsplan Strom rund 2300 aus Osterath und Umgebung. Doch zunächst schien das alles wenig zu nützen. Ende November präsentierten Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und Jochen Homann, der Präsident der Bundesnetzagentur, die „finale“ Entwurfsfassung des Netzentwicklungsplans, in dem auch der Knotenpunkt Osterath vorgesehen ist

Als kleinen Erfolg werten die Konverter-Gegner aber den Hinweis auf Seite 124 des Entwurfs: „Die Bundesnetzagentur versteht die Standortbezeichnung Osterath dabei nicht als gemarkungs- oder grundstücksscharfe Positionsangabe.“ Am 2. Dezember kam der Netzagenturpräsident dann überraschend nach Osterath, um sich bei der bisher größten politischen Demonstration in der Ortsgeschichte den mehr als 900 aufgebrachten Bürgern zu stellen.

Nur ein paar hundert Meter von einer Einfamilienhaussiedlung entfernt, in der sich Arbeiter und Angestellte in den sechziger und siebziger Jahren ihren bescheidenen Traum vom kleinen Wohnglück verwirklichten, stapfen Astrid Linn und Ewald Hövels durch den Schnee und sprechen über die hässliche Seite der Energiewende. Frau Linn berichtet, dass die Osterather Summgeräusche, Strahlung, den Wertverfall ihrer Immobilien und die Verschandelung der Landschaft befürchteten. Ja, es stimme schon, das Umspannwerk sei ja auch nicht schön. Doch Frau Linn findet, dass die vielen Schaltfelder und Masten schon genügend Belastung sind.

„Versuchskaninchen der Energiewende“?

Astrid Linn und Ewald Hövels kennen sich seit der Grundschulzeit. Nur einen Steinwurf entfernt betreibt Hövels mit seiner Familie eine Gärtnerei. Hövels hat sich auf Efeu spezialisiert. Sehr gut läuft derzeit das Geschäft mit Efeu in Herzform, weil ja bald Valentinstag ist. „Eigentlich müsstest du mit Amprion schön ins Geschäft kommen. Die wollen doch ihre Konverterhalle begrünen“, frotzelt Frau Linn. In sein Lachen hinein sagt Hövels, dass sein Efeu auch nichts mehr nützen würde. Nach dem Bau der gigantischen Großindustrieanlage werde man Osterath so oder so nicht wiedererkennen. „Wir wollen nicht die Versuchskaninchen der Energiewende werden.

Am 19. Dezember hat das Bundeskabinett den Entwurf des Bedarfsplangesetzes für den Netzausbau beschlossen. Bald wird sich das Parlament damit befassen. Noch vor der Bundestagswahl soll das Gesetz verabschiedet werden. Die Konverter-Gegner klagen, dass nicht transparent dargelegt werde, was in Osterath eigentlich geplant ist. „Wogegen soll sich ein Mensch wehren, von dem unbekannt ist, was es ist?“, fragt Karsten Weigmann von der Osterather Bürgerinitiative. „Das ist doch kafkaesk.“

Es liegt allerdings in der Natur der gesetzlichen Systematik der Netzausbauplanung, dass die Regelungen bisher nur abstrakt sind. Weder existieren derzeit konkrete Trassenverläufe noch genaue Standorte für Nebenanlagen wie den Großkonverter. Das kann erst Schritt für Schritt geschehen, nachdem der Bundestag den Bundesbedarfsplan aufgestellt hat.

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